Shawn Fain und Ray Curry debattieren über betrügerische UAW-Stichwahl

Der Präsident der US-Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) Ray Curry und der langjährige UAW-Funktionär Shawn Fain nahmen am Donnerstagabend an einer Online-Debatte teil, die zeitlich mit dem Beginn der Stichwahl für den UAW-Präsidenten zusammenfiel. Die Stichwahl findet statt, obwohl der gerichtlich bestellte Aufseher über die UAW die Ergebnisse der ersten Runde noch nicht bestätigt hat, weil Will Lehman, ein Mack-Trucks-Arbeiter und selbst Präsidentschaftskandidat, gegen die massive Unterdrückung der Wahlteilnahme durch den UAW-Apparat Protest eingelegt hat.

Lehman fordert, dass alle Kandidaten der ersten Runde in die Stichwahl aufgenommen werden und dass alle UAW-Mitglieder ordnungsgemäß informiert werden und die volle Möglichkeit zur Stimmabgabe erhalten. Bei den ausgeschlossenen Kandidaten handelt es sich um Lehman selbst, sowie Brian Keller, ein Angestellter von Stellantis, und Mark Gibson, ein Ortsvorstand bei Detroit Diesel.

Die Debatte war ein Fiasko, das den betrügerischen Charakter der Stichwahl unterstreicht, die den Arbeitern die „Wahl“ zwischen zwei handverlesenen Kandidaten des UAW-Apparats lässt. Die mangelnde Legitimität sowohl von Curry als auch des angeblichen Herausforderers Fain überschattete die Debatte.

UAW-Präsidentschaftsdebatte am 12. Januar 2023 (Screenshot)

Die Debatte wurde kaum öffentlich beworben gemacht. Es gab nicht einmal eine Ankündigung auf der UAW-Website, und sie wurde von weniger als 1.000 Teilnehmern live verfolgt. Die Angst aller Fraktionen des UAW-Apparats vor den Basismitgliedern wurde dadurch unterstreichen, dass die Kommentarfunktion vor und während der gesamten Veranstaltung deaktiviert war.

Der Moderator der Debatte und ehemalige Gewerkschaftsreporter der New York Times, Steven Greenhouse, ignorierte eine von Lehman gestellte Frage nach der Legitimität der ersten Wahlrunde, die durch eine historisch niedrige Wahlbeteiligung gekennzeichnet war. Beide Kandidaten wichen der Frage nach der Unterdrückung der Stimmabgabe völlig aus, die darin zum Ausdruck kommt, dass weniger als 10 Prozent der wahlberechtigten UAW-Mitglieder gewählt haben.

Nichtsdestoweniger war die Frage der Unterdrückung der Wahlbeteiligung der Elefant im Raum, der nicht ignoriert werden konnte. Fain verwies auf die Tatsache, dass 62 Prozent der Wähler im ersten Wahlgang nicht für Curry gestimmt hatten, während Curry seinerseits darauf hinwies, dass er 600 Stimmen mehr als Fain erhalten habe, was wohl kaum als Bestätigung zu werten ist. Keiner der beiden erwähnte jedoch die Tatsache, dass beide Kandidaten jeweils weniger als 4 Prozent der Stimmen der wahlberechtigten UAW-Mitglieder erhalten hatten.

Beide Bürokraten wiesen zu Recht darauf hin, dass ihr jeweiliger Gegner ein langjähriger Unterstützer des korrupten UAW-Apparats ist, der einen Verrat nach dem anderen mitverwaltet hat; und dazu den verheerenden Verfall des Lebensstandards der Autoarbeiter zu verantworten hat, einst die bestbezahlten Industriearbeiter Amerikas.

Curry strotzte vor bürokratischer Selbstgefälligkeit und Selbstzufriedenheit, während Fain ein Bild von Fadheit und Konformität abgab.

Eine Aura der Unwirklichkeit umgab die Debatte. Beide Männer versuchten, sich als Reformer darzustellen, aber keiner von ihnen konnte einen einzigen Fall nennen, in dem er sich tatsächlich gegen den UAW-Apparat gestellt hätte. Fain wies darauf hin, dass Curry von Gary Jones für den Posten des Schatzmeisters ausgewählt worden war. Kurz darauf wurde Jones wegen Diebstahls von UAW-Geldern angeklagt und verurteilt.

Curry wies darauf hin, dass Fain ein Angestellter des Chrysler National Training Center gewesen sei, das im UAW-Korruptionsskandal eine wichtige Rolle gespielt habe, bei dem Gewerkschaftsfunktionäre illegale Zahlungen von Führungskräften des Unternehmens kassiert hätten, um sie „fett, dumm und glücklich“ zu halten.

Beide Kandidaten vermieden es, konkrete Zusagen oder politische Vorschläge zu machen. Fain erklärte: „Es ist an der Zeit, dass wir den amerikanischen Unternehmen klar machen, dass unsere Mitglieder ihren gerechten Anteil verdienen, und wir werden ihn einfordern.“ Curry seinerseits erklärte: „Seit ich das Militär verlassen habe, habe ich Führung übernommen und bringe eine Vision, Integrität und einen reichen Erfahrungsschatz mit.“ Diese Art von bedeutungsloser Konzernsprache – stets herablassend in ihrem nationalistischen Ton – ist bei Wahlen für öffentliche Ämter gang und gäbe.

Currys absurde Behauptung, in der UAW gebe es „keine anhaltende Korruption“, wurde durch die Verurteilung des ehemaligen Finanzsekretärs des Ortsverbands 412 im vergangenen Jahr widerlegt, der 2,1 Millionen Dollar an Gewerkschaftsgeldern veruntreut hatte – unter anderem während des Zeitraums, in dem Curry als Schatzmeister für die Gewerkschaftsfinanzen zuständig war. Tatsächlich veröffentlichte der UAW-Aufseher im letzten Sommer einen Bericht, in dem er Ray Curry und dem internationalen Vorstand der UAW vorwarf, Ermittlungen zu laufenden kriminellen Aktivitäten behindert zu haben – darunter Fälle von Veruntreuung.

Die Frage, wie sie zur Forderung einer 30-Stunden-Woche bei voller Bezahlung von 40 Stunden stehen, ignorierten sowohl Curry als auch Fain einfach. Ebenso wichen beide einem Kommentar zum entsetzlichen Missbrauchsskandal bei Ford Chicago Assembly und Chicago Stamping aus, wo Arbeiterinnen sowohl von der Unternehmensleitung als auch von lokalen UAW-Funktionären sexuell belästigt wurden.

Unter Berufung auf angebliche „Erfolge“ unter seiner Verwaltung verwies Curry auf die Streikbeilegung bei John Deere im Jahr 2021, ohne zu erwähnen, dass die Arbeiter dort mehrere von der UAW ausgehandelte Ausverkaufsverträge abgelehnt hatten.

Auf eine Frage zum „Stillstand“ (d.h. der Schließung) des Stellantis-Montagewerks in Belvidere im nächsten Monat, von dem mehr als 1.300 Arbeiter betroffen sind, erklärte Fain, dass er „Maßnahmen ergreifen“ werde, ohne jedoch eine konkrete Politik oder einen Vorschlag zu nennen. Curry brüstete sich damit, dass er das Schicksal von Belvidere mit Stellantis-Vertretern und Präsident Biden auf der internationalen Automesse in Detroit im vergangenen September besprochen habe, bevor Stellantis die Schließung ankündigte.

Nach der Debatte veröffentlichten die Detroit News und die Detroit Free Press kurze Artikel mit fast identischen Schlagzeilen, in denen beide absurderweise behaupteten, die beiden Kandidaten hätten „konkurrierende Visionen“.

Als Reaktion auf die Weigerung beider Kandidaten, auf die Frage der Unterdrückung von Wählerstimmen einzugehen, sagte ein Arbeiter von Stellantis Warren Truck Plant außerhalb von Detroit: „Man kann nicht behaupten, dass wir kein Interesse an der Vorstandswahl gehabt hätten, wo sie doch die erste in der Geschichte ist. Man muss schon dumm sein, um das zu glauben. Die Kandidaten haben gestern Abend keine Verantwortung dafür übernommen. Es ging mehr um sie und weniger um die Mitglieder.“

Er fügte hinzu: „Man konnte sehen, wie wortkarg sie bei den Fragen waren. Sie haben um vieles herumgetanzt. Sie haben sich nicht zum Lohnstufensystem geäußert, zu nichts, was uns unmittelbar betrifft. Es kam heraus, dass sie im letzten Jahr einen Antrag auf eine Vorruhestandszahlung von 20.000 Dollar an sich selbst gestellt haben. Wie kann man das tun, wenn die Leute streiken? Das ist Diebstahl. Sie sollten ins Gefängnis gebracht werden. Jeder, der einen Funken gesunden Menschenverstand hat, kann sehen, was passiert ist. Es war ein Versuch, die Kontrolle zu behalten.“

Will Lehman gab als Reaktion auf die Debatte die folgende Erklärung ab:

Es gibt einen Grund, warum der Wahlaufseher und die UAW mich und andere unabhängige Kandidaten von dieser Debatte ausgeschlossen haben: Alle haben beschlossen, dass die Basis in dieser Stichwahl keinerlei Mitspracherecht in der Debatte haben würde. Zunächst einmal handelt es sich um eine illegitime Wahl, denn weder Fain noch Curry konnten auch nur 40.000 Stimmen von 1,1 Millionen Mitgliedern gewinnen.

Die Debatte zwischen Curry und Fain war ein Schönheitswettbewerb zwischen zwei hässlichen Vertretern der UAW-Bürokratie. Das war es, was der gerichtlich bestellte Aufseher und die UAW vom ersten Tag an wollten, weshalb sie trotz einer Wahlbeteiligung von 9 Prozent in der ersten Runde eine Stichwahl anstreben. Ray Curry sagte in der ersten Runde, dass „jeder das Recht hat, zu wählen“, und weder Fain noch der New York Times-Reporter Steven Greenhouse stellten das in Frage. Der Aufseher hat noch immer nicht einmal auf meinen formellen Protest reagiert, der auf Beweismaterial beruht, das von über 100 UAW-Mitgliedern aus mehr als 50 Betrieben geliefert wurde.

Meine Kampagne ist noch nicht zu Ende. Die Verträge von hunderttausenden UAW-Mitgliedern laufen dieses Jahr aus, und der Kampf von 48.000 Arbeitern der University of California zeigt, dass wir bereit sind zu kämpfen. Um unsere wirtschaftlichen Interessen als Klasse zu verteidigen, müssen wir unsere demokratischen Rechte verteidigen. Deshalb rufe ich zur Bildung von Aktionskomitees auf, um eine Neuwahl zu fordern, bei der die gesamte Mitgliedschaft tatsächlich darüber informiert wird, dass eine Wahl stattfindet, und um uns auf die kommenden Kämpfe vorzubereiten.

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