Eine Woche nach dem tödlichen Feuerinferno in Crans-Montana bestätigt sich, dass es sich dabei nicht um einen tragischen Unfall, sondern um Totschlag aus Profitsucht handelt. Die Bar „Le Constellation“ war seit Jahren als tödliche Feuerfalle bekannt, ohne dass die Behörden einschritten oder sie auch nur kontrollierten.
Der italienische Formel-1-Manager Flavio Briatore, der in verschiedenen Teilen der Welt selbst mehrere Diskotheken, Bars und Restaurants betreibt, sagte dem Corriere della Sera: „Reden Sie mir nicht von einem Unglück, einer Tragödie oder widrigen Umständen, das war Mord.“
In dem Schweizer Skiort waren in der Neujahrsnacht 40 Menschen im Alter von 14 bis 39 Jahren bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. 116 weitere wurden teils lebensgefährlich verletzt. 83 von ihnen werden weiterhin in Spezialkliniken in ganz Europa behandelt.
Nicolas Féraud, der Präsident der für die Brandschutzkontrolle zuständigen Gemeinde, musste am Dienstag auf einer Pressekonferenz zugeben, dass die Gemeinde eine Mitverantwortung für die Katastrophe trifft. Die letzte Kontrolle, so Féraud, habe 2019 stattgefunden. Seit fünf Jahren sei die Bar nicht mehr kontrolliert worden.
Aber auch bei den drei Kontrollen, die zwischen 2015 und 2019 stattfanden, spielte das billige Dämmmaterial an der Decke der Bar keine Rolle. Das leicht entflammbare Material war in der Brandnacht durch Partyfontänen, die auf Champagnerflaschen montiert waren, in Brand gesetzt worden und hatte die Feuersbrunst verursacht. Féraud begründete die fehlende Kontrolle damit, dass das Gesetz im Rahmen der vorgeschriebenen regelmäßigen Kontrollen keine Überprüfung der Qualität des verwendeten Akustikdämmmaterials vorsehe.
Bereits 2015, als die heutigen Betreiber die Bar übernahmen und umbauten, interessierten sich die Behörden nicht für die Schaumstoffmatten an der Decke des Untergeschosses. Auch um die einzige Treppe zum Untergeschoss, die beim Umbau von 4 auf 1,4 Meter verengt wurde, kümmerten sie sich nicht. Die schmale Treppe erwies sich nun für zahlreiche Opfer als tödliche Falle. Überprüft wurde lediglich die Veranda, für deren Umbau das französische Betreiberehepaar Jessica und Jacques Moretti eine Bewilligung benötigte und beantragt hatte. Für den Umbau im Inneren hatte es dagegen freie Hand.
Féraud musste auch zugeben, dass die Gefahren, die von der Decke ausgehen, seit langem bekannt waren. Ein neu aufgetauchtes Handyvideo von der Neujahrsnacht 2020 zeigt einen Kellner, der Gäste eindringlich vor der Brandgefahr warnt. Damals wurden dieselben Partyfontänen abgefackelt, die nun die Decke in Brand gesetzt haben.
Für die Bar, in der sich in der Brandnacht bis zu 400 Gäste aufhielten, war nur ein einziger Feuerlöscher vorgeschrieben. Er war laut Féraud vorhanden. Ob er auch zum Einsatz kam, konnte der Gemeindepräsident nicht sagen. Ebenso wenig konnte er bestätigen, ob ein Notausgang zugänglich und offen war.
Féraud, der der rechtsliberalen FDP angehört, behauptete, er hätte sofort etwas unternommen, wenn er früher von der Feierpraxis in der Bar erfahren hätte. Auf den Einwand, diese habe auf ihrer Website mit den Partyfontänen geworben, erwiderte er, auf seiner Website dürfe jeder schreiben, was er wolle.
Féraud wies auch jeden Verdacht zurück, dass Bestechung oder Kumpanei im Spiel war. Weder er noch die zuständigen Brandinspektoren hätten persönliche Beziehungen zum Wirtspaar, behauptete er. Aus dem Mund desselben Mannes, der noch vor wenige Tagen behauptet hatte, die Bar sei „jährlich oder zweijährlich“ überprüft worden, will dies allerdings nichts heißen.
Auch der Ruf des Betreiberehepaares, der anfangs noch als „hervorragend“ bezeichnet wurde, ist inzwischen angeschlagen. Die französische Zeitung Le Parisien hat herausgefunden, dass Jacques Moretti in Frankreich vor 30 Jahren wegen Zuhälterei, Freiheitsberaubung, Entführung und Betrug verurteilt worden war und einige Zeit im Gefängnis verbrachte. Die Staatsanwaltschaft ermittelt inzwischen wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung sowie fahrlässiger Verursachung einer Feuersbrunst gegen das Ehepaar Moretti, hat aber bisher keinen Haftbefehl erlassen. Die Betriebsbewilligung für ein zweites Restaurant in Crans-Montana wurde den Morettis entzogen.
Inzwischen ist auch klar, weshalb sich so viele Minderjährige unter den Opfern befinden, obwohl sich nach kantonalem Recht Jugendliche unter 16 Jahren nach 22 Uhr nicht ohne Begleitung eines Elternteils in Bars oder Restaurants aufhalten dürfen und ihnen der Alkoholkonsum verboten ist. Die Bar „Le Constellation“ war für ihre laxen Eintrittskontrollen bekannt. Laut berichten von Jugendlichen konnte man den Türsteher am Haupteingang auch einfach durch eine Seitentür umgehen, dessen Zahlencode Eingeweihten bekannt war.
Die neuen Erkenntnisse bestätigen, was wir im ersten Artikel über die Feuersbrunst in Crans-Montana geschrieben haben: Sie reiht sich in eine Kette von Entwicklungen ein, bei denen Profit- oder Machtinteressen Vorrang vor Menschenleben haben – die Corona-Pandemie, die Zunahme tödlicher Arbeitsunfälle, den Genozid in Gaza, die Wiedereinführung der Wehrpflicht.
Auch die Tourismusindustrie wird zunehmend von profithungrigen, global operierenden Konzernen beherrscht. Im Fall von Crans-Montana ist es der US-Konzern Vail Resorts, dem sämtliche Skianalagen und mehrere Restaurants gehören. Die Behörden werden von ihnen unter Druck gesetzt oder gekauft. Kleinere Akteure, wie die Morettis, setzen sich nur durch, wenn sie über die nötige Skrupellosigkeit verfügen.
