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Spirit Airlines, die größte Billigfluggesellschaft in den USA, gab am Samstag bekannt, dass sie nach 34 Jahren im Geschäft den Betrieb dauerhaft eingestellt hat. Etwa 17.000 Beschäftigte erfuhren über Nacht, dass sie ihre Stellen verloren haben.
Zehntausende Passagiere und Besatzungsmitglieder strandeten an Flughäfen im gesamten Land, ohne bei ihren Umbuchungen Hilfe zu erhalten. Im gesamten Streckennetz von Spirit kam es zu chaotischen Szenen. In Atlanta kamen Familien zum Gate und fanden weder Personal noch Flugzeuge vor. In Las Vegas und Fort Lauderdale, wo Spirit am stärksten vertreten war, blieben die Ticketschalter leer.
Der Flugbegleiter Freddy Peterson erfuhr um 3 Uhr morgens von der Stilllegung und musste einen Delta-Flug zurück zu seinem Heimatflughafen in Atlanta nehmen. Gegenüber PBS erklärte er: „Ich werde wahrscheinlich zu heulen anfangen, wenn ich ins Auto steige.“ Verkehrsminister Sean Duffy erklärte den Gestrandeten kurz und knapp: „Wenn Sie einen Flug mit Spirit Airlines gebucht haben, kommen Sie nicht zum Flughafen. Dort wird niemand sein, der Ihnen hilft.“
Die unmittelbare Ursache für die Abwicklung von Spirit ist der massive Anstieg der Kerosinpreise infolge des amerikanisch-israelischen Kriegs gegen den Iran und der Schließung der Straße von Hormus. Seit Beginn des Kriegs Ende Februar haben sich die Kerosinpreise fast verdoppelt – von etwa 2,10 Dollar auf über 4 Dollar pro Gallone in den USA, und von 68 auf 153 Euro in Europa.
Spirit hatte von seinem zweiten Insolvenzantrag nach Artikel 11 im August 2025 noch Schulden in Höhe von 8,1 Milliarden Dollar. Es operierte mit einer der dünnsten Gewinnmargen der Branche, ohne jegliche Absicherungen von Treibstoffkosten, und hatte daher keinen Puffer, um diesen Schock zu verkraften.
Am 16. April warnte der geschäftsführende Direktor der Internationalen Energieagentur (IEA) Fatih Birol, Europa habe noch für „vielleicht sechs Wochen“ Kerosin übrig. Fast drei Wochen davon sind vorbei. In Europa werden 1,6 Millionen Barrel Kerosin pro Tag verbraucht, von denen bisher 500.000 Barrel durch die Straße von Hormus geliefert wurden. Südkorea, der weltweit führende Exporteur von Kerosin, hat angesichts der Verknappung seiner Rohölvorräte aus dem Golf damit begonnen, seine eigenen Exporte einzuschränken.
Die Auswirkungen auf die gesamte Branche sind verheerend. Der Vorstandschef von United Airlines, Scott Kirby, warnte, die jährlichen Treibstoffrechnungen seiner Fluggesellschaft könnten um elf Milliarden Dollar ansteigen, falls die jetzigen Preise bleiben. Der gesamten US-Luftfahrtbranche stehen dieses Jahr ungeplante Kosten von schätzungsweise 25 Milliarden Dollar bevor.
In Europa streicht die Lufthansa in den nächsten sechs Monaten 20.000 Kurzstreckenflüge. Dieselbe Lufthansa hat am 16. April CityLine mit 1.300 Beschäftigten stillgelegt. Air France-KLM hat einen Aufschlag von 100 Euro auf Langstreckentickets eingeführt. Scandinavian Airlines hat 1.000 Flüge gestrichen.
Die Trump-Regierung erwog kurzzeitig eine staatliche Rettungsaktion für Spirit, doch am Freitagabend entschied sie sich dagegen. Duffy erklärte vor der Presse: „Wir haben nicht oft mal eben eine halbe Milliarde Dollar übrig.“
Von einer Regierung, die 200 Milliarden Dollar für den Krieg im Iran und zusätzliche 500 Milliarden für den Militäretat des nächsten Jahres beantragt hat, ist das ungeheuerlich. Alleine in der ersten Woche verschlang der Krieg elf Milliarden Dollar. Laut einer Schätzung des Center for Strategic and International Studies belaufen sich die Verluste an US-Flugzeugen in diesem Krieg auf bis zu 2,8 Milliarden Dollar.
Die Entscheidung gegen die Rettung von Spirit war eine bewusste Klassenpolitik mit dem Ziel, die Arbeiterklasse für den Krieg bezahlen zu lassen. Sie folgt der gleichen Logik wie Trumps Äußerung bei einem geheimen Osteressen im Weißen Haus, bei dem er erklärte, Kinderbetreuung, Medicaid, Medicare und andere Sozialprogramme müssten drastisch gekürzt werden, weil „wir Kriege führen“ und die Regierung nur für „eine Sache zuständig“ ist: „militärischen Schutz“.
Gleichzeitig generiert der Krieg immense Gewinne für die Oligarchie. Bei einem Ölpreis von etwa 100 Dollar pro Barrel könnten die großen Ölkonglomerate – Aramco, ExxonMobil und Chevron – im Jahr 2026 laut einem Bericht des Guardian vom letzten Monat zusätzliche Gewinne von 234 Milliarden Dollar machen, d.h. 30 Millionen Dollar pro Stunde. Alleine ExxonMobil dürfte zusätzliche Gewinne von elf Milliarden Dollar machen, Aramco 25,5 Milliarden Dollar.
Die sechs größten Banken der USA verzeichneten im ersten Quartal Gewinne von 47,6 Milliarden Dollar – JPMorgan plus 13 Prozent, Goldman Sachs plus 19 Prozent und Citigroup plus 42 Prozent. Beflügelt wurden diese Steigerungen durch die kriegsbedingte Marktvolatilität, die die Banken für Rekord-Aktienrückkäufe nutzten.
Der Schock durch den Irankrieg war der Auslöser, doch die Insolvenz von Spirit Airlines ist das Ergebnis von 47 Jahren parteiübergreifender Politik. Spirits Geschäftsmodell als Billigflieger wurde durch den Airline Deregulation Act ermöglicht, der 1978 von der demokratischen Regierung unter Jimmy Carter umgesetzt, im Senat von dem Demokraten Edward Kennedy gesponsert und von Carters Vorsitzenden des Civil Aeronautics Board, Alfred Kahn, unterstützt wurde. Das Civil Aeronautics Board, das seit 1938 Strecken, Preise und Marktzugänge regulierte und die Bedingungen schuf für relativ hohe Löhne, relativ sichere Arbeitsplätze und betriebliche Altersvorsorge für die Beschäftigten der Fluggesellschaften, wurde 1984 formell abgeschafft.
Im Jahr 1981 entließ der republikanische Präsident Ronald Reagan 11.000 streikende Fluglotsen der Professional Air Traffic Controllers Organization (PATCO). Dabei nutzte er Pläne, die schon unter Carter ausgearbeitet wurden. Die Weigerung der AFL-CIO-Gewerkschaftsfunktionäre, zum Generalstreik zur Verteidigung von PATCO aufzurufen, leitete ein Jahrzehnt der Gewerkschaftszerschlagung und Lohnkürzungen ein, in dem Millionen Industriearbeiter ihre Arbeitsplätze verloren.
Darauf folgten Massenentlassungen und eine stetige Verschlechterung der Arbeitsbedingungen, des Service an Bord und der Sicherheit, ohne dass die Gewerkschaften, die angeblich Maschinisten, Piloten, Flugbegleiter und Bodenpersonal vertreten, Widerstand geleistet hätten. Continental Airlines erklärte 1983 alle Verträge mit Gewerkschaften für nichtig und setzte Streikbrecher als Ersatzkräfte ein. Eastern Airlines wurde 1991 liquidiert, nachdem die International Association of Machinists einen erbitterten zweijährigen Streik verraten hatte. Pan Am löste sich im selben Jahr auf, wobei 26.000 Arbeitsplätze vernichtet wurden.
Seit dem ersten Golfkrieg 1990–1991 führen die Vereinigten Staaten ununterbrochen Krieg. Gestützt auf ein marxistisches Verständnis der Widersprüche des US- und des Weltimperialismus analysiert David North die Militärinterventionen und geopolitischen Krisen der letzten 30 Jahre.
Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 benutzten US Airways, United, Delta und Northwest das Insolvenzrecht nacht Chapter 11, um Tarifverträge aufzukündigen, die betriebliche Altersvorsorge abzuschaffen und Löhne drastisch zu kürzen. American Airlines entließ 13.000 Arbeiter.
Ein Ergebnis davon ist, dass die Branche von Dutzenden konkurrierenden Fluggesellschaften auf vier große Fluggesellschaften geschrumpft ist: Delta, United, American und Southwest kontrollieren zusammen 80 Prozent des Inlandflugverkehrs.
In der Anfangsphase der Corona-Pandemie erhielten die Fluggesellschaften, darunter auch Spirit, im Rahmen der Rettungsaktion CARES Act, die von beiden Parteien unterstützt wurde, 25 Milliarden Dollar. Daraufhin entließen die Fluggesellschaften 100.000 Arbeiter, und Southwest forderte eine zehnprozentige Lohnsenkung. Die Gewerkschaftsbürokratie, vor allem die Association of Flight Attendants (AFA-CWA), arbeiteten offen mit dem Management zusammen und setzten sich im Kongress für Rettungsgelder ein.
Die Arbeiter haben wiederholt versucht, sich dagegen zu wehren. Doch sie unterliegen dem Railway Labor Act, der einen Streik erst nach jahrelangen Schlichtungsverfahren erlaubt. Im Jahr 2022 nutzte der Kongress das Gesetz, um den Eisenbahnern einen Tarifvertrag aufzuzwingen, obwohl sie für einen Streik gestimmt hatten.
Das Haupthindernis ist jedoch die Gewerkschaftsbürokratie, die eng mit dem Management zusammenarbeitet. Während der ersten Insolvenz von Spirit im November 2024 rief die Präsidentin der AFA-CWA, Sara Nelson, ein prominentes Mitglied der Democratic Socialists of America, die Arbeiter auf, normal weiterzuarbeiten und versprach, sich für „so wenig Störungen wie möglich“ einzusetzen. Nelson hatte zuvor auch eine Fusion zwischen Spirit und JetBlue unterstützt, die vom Kartellamt abgewiesen wurde.
Die Arbeiter der Fluggesellschaften und der gesamten Verkehrsbranche müssen gegen die korporatistischen Gewerkschaftsbürokraten unabhängige Aktionskomitees aufbauen, die in der Internationalen Arbeiterallianz der Aktionskomitees verbunden und frei vom Gewerkschaftsapparat und beiden kapitalistischen Parteien sind.
Die 17.000 Beschäftigten von Spirit müssen vollständig entschädigt werden – mit Arbeitsplätzen, Löhnen, Leistungen und Renten. Das Gleiche muss für alle Arbeiter gelten, die aufgrund der wirtschaftlichen Folgen des Irankriegs entlassen wurden. Dies muss durch die sofortige Enteignung der Kriegsgewinne der Ölkonzerne, Banken und Rüstungskonzerne finanziert werden, die sich an der Blockade der Straße von Hormus bereichern.
Der amerikanisch-israelische Krieg gegen den Iran muss sofort beendet werden. Die Luftfahrtbranche, die jetzt gezeigt hat, dass Privateigentum und Gewinnstreben unvereinbar sind mit den Bedürfnissen der Arbeiter und der Fluggäste, muss von Privateigentum in ein öffentliches Versorgungsunternehmen unter der demokratischen Kontrolle der Arbeiterklasse verwandelt werden. Der Railway Labor Act muss abgeschafft und das bedingungslose Streikrecht auch in der Verkehrsbranche anerkannt werden.
Dies erfordert die politische Mobilisierung der Arbeiterklasse – bei den Fluggesellschaften, in der Transportbranche und international – gegen das kapitalistische System.
