Der folgende Brief, unterzeichnet mit „A. Lincoln“, jedoch ohne Absenderadresse oder Betreff, erreichte mich letzte Woche per Mail. Kaum hatte ich das Schreiben kopiert, verschwand es auch schon aus meinem Posteingang. So rätselhaft sein Ursprung auch sein mag, aufgrund der Unterschrift sollte der Text den Lesern der WSWS nicht vorenthalten werden.
In den anderthalb Jahrhunderten seit meinem frühen Hinscheiden, in denen ich aus dem Jenseits und zu meinem nicht geringen Erstaunen mit ansehen musste, wie man mich aus einem nüchternen, fehlbaren Politiker zu einem weltlichen Heiligen machte, ist mir nicht entgangen, wie manch einer zu erraten suchte, was ich zu diesem oder jenem Übel und zu dieser oder jener Krise in Amerikas wohl gesagt hätte. Die Umstände hinderten mich, solchen Mutmaßungen öffentlich zu widersprechen. Und selbst wenn ich es vermocht hätte, hätte ich mich gescheut, einem Zeitalter, das dem meinen so wenig gleicht, meine Lösungen aufzudrängen. Doch in der jetzigen Lage – da das Haus, das ich etwas mehr als vier Jahre bewohnte, von einem Manne besetzt ist, der in einer gerechten Welt, um der Menschheit willen, hinter Kerkermauern säße – bat ich den Allmächtigen um die Erlaubnis, meine Stimme zu erheben, und sie wurde mir gewährt.
Zu meiner Zeit nannte ich die Ursache unseres großen Bürgerkrieges offen beim Namen. Ich sagte nicht, er sei aus Missverständnissen erwachsen, noch aus hitzigen Worten zwischen Brüdern, nicht aus Zollstreitigkeiten oder aus der verletzten Würde von Staaten. Ich sagte, dass die Ursache die Sklaverei war und dass jeder wusste, dass es im Grunde so war. Das Leben hat mich gelehrt, dass es das Übel vor allem scheut, beim Namen genannt zu werden; und wer es bei seinem richtigen Namen nennt, hat es bereits zur Hälfte besiegt.
So will ich mich auch gegenüber dem jetzigen Zeitalter nicht gefügig erweisen, indem ich vorgebe, seine Not habe keinen Namen oder bestehe nur in der Verderbtheit des Mannes, der jetzt in meinem früheren Hause sitzt. Er ist ein Symptom und ein Werkzeug; er ist nicht die Krankheit. Wer das Fieber verflucht und sich mit der Pest abfindet, betreibt keine Heilkunst.
Die Sache ist diese: In meiner Zeit war es einem Manne gestattet, den Leib eines anderen zu besitzen und sich mit der Peitsche den ganzen Ertrag seiner Arbeit anzueignen. Dieses Eigentum haben wir abgeschafft, und mit Recht, und ich schied aus dem Leben in dem Glauben, das Werk sei im Wesentlichen getan. Doch nun erkenne ich, dass ich nur die gröbste Gestalt einer älteren Sache gesehen hatte. Denn neben dem Sklaven, ihn überdauernd, ist ein System gewachsen, in dem die Wenigen den Leib des Arbeiters nicht zu besitzen brauchen, weil sie das Feld, die Schmiede, die Schiene, die Grube, das Dach über ihm und das Werkzeug in seiner Hand besitzen – so dass er gezwungen ist, ihnen seine Tage zu verkaufen, wenn er nicht hungern will, und sie die Spanne zwischen dem, was seine Arbeit hervorbringt, und dem, was sie ihm zu gewähren belieben, einbehalten, dieses Einbehalten Gewinn nennen und diese Ordnung Freiheit. Die Peitsche ist außer Dienst gestellt; der Lohn verrichtet nun ihr Werk und gilt als milde, weil kein Blut vergossen wird, das für das Auge sichtbar ist. Dies ist die Ursache der gegenwärtigen Krise, wie die Sklaverei die Ursache der meinen war: eine Form der Ausbeutung, gesetzlich, ehrbar, von jeder Kanzel des Reichtums verteidigt, und eben um dieser Ehrbarkeit willen umso schwerer beim Namen zu nennen.
Aus dieser Wurzel wächst das Übrige wie Zweige aus einem Stamm. Auf diese Weise angehäufter Reichtum kann nicht ruhen; er muss danach trachten, die Regierung zu beherrschen, die ihn zügeln soll, denn eine Regierung, die er nicht besitzt, ist eine Gefahr, die er nicht duldet. Jenseits seiner eigenen Grenzen muss solcher Reichtum nach Märkten und Stoffen jenseits des Ozeans greifen und sendet so die Söhne der Nation hinaus, um die Welt für seinen Zuwachs sicher zu machen, verhüllt dieses Vorhaben mit der Fahne und nennt die Eroberung Verteidigung. Und der Bürger, dem allabendlich durch die Werkzeuge in den Händen der Besitzenden weisgemacht wird, er sei frei und habe sich sein Unbehagen selbst zuzuschreiben, gewöhnt sich daran und tauft diese Gewöhnung Frieden. Der Plutokrat, der ehrlose Bewohner meines Hauses, die Heere in der Ferne, das Volk, das gelehrt wird, seinem eigenen Unmut zu misstrauen – das sind nicht vier Übel. Es ist ein Stamm mit seinen Zweigen.
Einst sagte ich, in einer Botschaft an den Kongress im dunklen Winter des Krieges, die Lehren der ruhigen Vergangenheit reichten für die stürmische Gegenwart nicht aus, die Stunde sei mit Schwierigkeiten überladen, und wir müssten unsere geistigen Fesseln abstreifen, wollten wir unser Land retten. Diesen Ruf sende ich über die Jahre hinweg von Neuem; doch die Lehre, von der es heute Abschied zu nehmen gilt, ist der Glaube, die einzig erträgliche Wirtschaftsordnung sei eine, die auf Privateigentum an den Produktionsmitteln und auf dem Beweggrund des Profits beruht.
Im Jahre 1861 war es die Sklavokratie, die die Demokratie zu stürzen suchte. Heute wird der Krieg gegen die Demokratie von einer herrschenden Oligarchie geführt, die über Reichtümer verfügt, deren Ausmaß selbst die Sklavenhalter meiner Zeit erstaunt hätte. Der Kapitalismus ist in der heutigen Welt so unerträglich, wie es die Sklaverei in der meinen war. Ich will keine Bekehrung vortäuschen, die ich nicht vollzogen habe: Ich hätte im Jahre 1860 kein Sozialist sein können; Wort und Sache lagen mir damals im Ungefähren. Dem Werk von Mr. Marx und seiner Vereinigung der Arbeiter bin ich erst begegnet, als sie es für geboten hielten, sich anlässlich meiner Wiederwahl im Jahre 1864 an mich zu wenden. Doch schon damals sagte ich – und ich meinte es –, dass die Arbeit dem Kapital vorausgeht und von ihm unabhängig ist, dass das Kapital nur die Frucht der Arbeit ist und niemals hätte existieren können, wenn die Arbeit nicht zuerst gewesen wäre, und dass die Arbeit dem Kapital überlegen ist und die größere Achtung verdient. Meine Worte beschrieben den Keim; nun stehe ich vor dem Baum. Heute würde man mich unter den Sozialisten finden, und ich sage dies nicht, um euch zu verblüffen, sondern weil die Logik, der ich im Leben folgte, sich in der Zeit nach meinen Tode vollendet hat.
Nun will ich das Harte aussprechen, wie ich es schon einmal tat, als ich urteilte, der Krieg könne wohl mit Recht so lange fortdauern, bis jeder Tropfen Blut, den die Peitsche gezogen hatte, durch einen vergolten sei, der durch das Schwert vergossen wurde. Ich glaube nicht, dass es einem Volke ansteht, seinen Wohlstand auf der unvergoltenen Arbeit der Seinen und auf der Beute an anderen zu gründen, diesen Wohlstand auf ewig zu behalten und dabei selbst frei zu bleiben. Hier wird aufgerechnet, ob die Menschen es wollen oder nicht. Was die Wenigen den Vielen nehmen, ist eine Schuld; und Schulden dieser Art sind in der Geschichte der Völker stets eingetrieben worden—wenn nicht durch freiwillig gewährte Gerechtigkeit, so in härterer Münze, und zu der Stunde, die der Gläubiger wählt, nicht der Schuldner.
Doch ich bin nicht zurückgekehrt, um Untergang zu weissagen, denn ich habe ebenso klar das Gegenteil gesehen. In Werkstätten und Lagern, in Gruben und auf Feldern regt sich etwas – noch keine Flut, doch ein Steigen – unter Männern und Frauen, die nichts besitzen als die Kraft ihrer Hände und die Stunden ihres Tages und die beginnen, es zu erkennen, langsam und unerbittlich. In diesem Erkennen sehe ich dasselbe Feuer, das einst in jenen aufloderte, denen man eingeflüstert hatte, ihre Knechtschaft sei die natürliche Ordnung der Dinge, und die eines Tages aufhörten, daran zu glauben. Die arbeitenden Menschen beginnen zu sehen, dass die Männer von 1776 ihr Leben nicht dafür verpfändeten, dass Freiheit nur die Freiheit der Starken sei, grenzenlos Reichtümer anzuhäufen, und der Schwachen, sich damit abzufinden. Diese Sache wurde weder 1776 vollendet noch in Appomattox. Sie wurde als Aufgabe zum Vermächtnis; und sie ist nun eure Aufgabe, die ihr dies lest.
Die Ereignisse vom Januar 2026 in Minneapolis haben die ganze Welt schockiert und deutlich gemacht, dass die Umwandlung der amerikanischen Demokratie in einen Militär- und Polizeistaat nicht länger nur eine theoretische Möglichkeit ist. Sie vollzieht sich vor unseren Augen.
Hierzu will ich noch eines sagen, das ich im Leben nur verschwommen erkannte, das mir aber im Tod deutlich wurde. Der Kampf, von dem ich spreche, ist nicht der Kampf eines einzelnen Landes. Als ich die Union durch ihren Krieg gegen die Sklavenhalter führte, wusste ich, dass jenseits des Ozeans arbeitende Menschen auf uns blickten und sich unserer Sache verschrieben hatten. Die Arbeiter Englands, deren Lebensunterhalt an der Baumwolle hing, die unsere Blockade abgeschnitten hatte, weigerten sich dennoch, ihrer Regierung die Parteinahme für die Konföderation zu gestatten. Mr. Marx sprach in seinem Schreiben an mich im Namen dieser Arbeiter – Männer, die die Solidarität mit den Versklavten dem Brot auf dem eigenen Tisch vorzogen. Diese Tat lehrte mich etwas, das ich nicht vergessen habe: dass die Männer und Frauen, die unter dem Joch des Kapitals in einem Lande arbeiten, Brüder und Schwestern derer sind, die unter ihm in jedem anderen arbeiten, und dass die Macht, die sie ausbeutet, ebenso wenig Grenzen achtet. Eine Sache, die nicht international ist, ist am Ende keine Sache – sie ist nur ein Bruchteil.
So will ich denn schließen mit dem Entschluss, zu dem ich raten würde, wenn es mir gebührte. Dass die Sache bei ihrem Namen genannt werde, offen, und nicht aus Furcht verschwiegen. Dass die Arbeit der Vielen nicht auf ewig der Tribut der Wenigen sei, in welcher gesetzlichen und ehrbaren Form dieser Tribut auch eingezogen werde. Dass die arbeitenden Männer und Frauen unseres und jedes Landes ihr gemeinsames Interesse erkennen und gemeinsam nach ihm handeln. Und dass diese Nation, die das Schwert überstanden hat, nicht der Gleichgültigkeit preisgegeben werde, noch der Furcht, noch jenem sanften und satten Ratschlag, der sie anhält ihre Knechtschaft Frieden zu nennen.
Die Abrechnung wird kommen, unweigerlich, wie sie auch früher gekommen ist. Innig hoffen wir, inbrünstig beten wir, dass diese gewaltige Geißel der Ausbeutung – und die Männer, denen sie die Macht über uns verleiht – bald vorübergehe; doch ob es als frei vollzogene Gerechtigkeit oder im blutigen Streit sich einstellt, das Urteil des Herrn ist wahrhaftig und gerecht.
Ein Wort noch, dann werde ich schließen. Wie mich einst der Geist von 1776 entflammt und ich das Wenige an politischer Philosophie, das ich besaß, auf Jeffersons unsterbliche Worte gründete – dass alle Menschen gleich geschaffen sind und dass die Regierung ihre Macht nur aus der Zustimmung der Regierten empfängt – so möchte ich, dass ihr diese Flamme weitertragt. Das 250. Jahr jener ersten Revolution steht bevor. Möge die Nation es nicht begehen, wie man eine Grabstätte pflegt, mit Kränzen und Vergessen, sondern wie man eine Flamme hütet, die man in vollem Glanz weiterzugeben gedenkt. Möge aus jener Feier eine neue Geburt der Freiheit hervorgehen – nicht in den Vereinigten Staaten allein, sondern überall, wo Männer und Frauen unter fremdem Joch arbeiten und gelehrt wurden, dies Freiheit zu nennen – auf dass die Regierung des Volkes, durch das Volk und für das Volk nicht von der Erde verschwinde.
A. Lincoln, autorisiert und wider sein eigenes langes Schweigen
