Am Mittwochabend, kurz nach 18 Uhr Ortszeit, wurde die Nordküste Venezuelas von zwei schweren Erdbeben erschüttert – einem Vorbeben der Stärke 7,2, gefolgt von einem Hauptbeben der Stärke 7,5 nur 39 Sekunden später.
In der Hauptstadt Caracas, in Trujillo, Carabobo, Aragua und La Guaira stürzten Dutzende von Gebäuden ein, bevor die Bewohner aus ihnen flüchten konnten.
Bei Redaktionsschluss dieser Übersetzung war die Zahl der bestätigten Todesopfer auf 589 gestiegen, die Zahl der Verletzten auf 2.980.
Die US Geological Survey (USGS) gab umgehend ihre bisher höchste Warnstufe für „hohe Opferzahlen und umfangreiche Schäden“ heraus. Sie wies damit auf eine hohe Wahrscheinlichkeit hin, dass die Zahl der Opfer in die Tausende oder gar Zehntausende gehen könnte.
Zivilgesellschaftliche Organisationen, die Listen der Vermissten in La Guaira aufstellten, hatten bereits mehrere hundert Namen registriert. Auf einer Website aus dem Umfeld der rechten Oppositionsparteien wurden mehr als 37.600 Vermisstenanzeigen zusammengetragen.
Seismologen erklärten die Stärke des Bebens damit, dass sich ein Jahrhundert lang Energie aufgestaut hat. Die USGS bezeichnete es als das stärkste Beben seit 1900.
Doch dass die Katastrophe ein solches Ausmaß angenommen und so viele Opfer gefordert hat, geht nicht nur auf die seismischen Wellen zurück, sondern auch auf die jahrzehntelangen imperialistischen Sanktionen, militärischen Aggressionen, die korrupte kapitalistische Herrschaft unter dem Chavismus und die jetzige offene Rekolonialisierung des Landes durch die USA.
Noch Stunden nach dem Beben waren weite Teile von Caracas und der Umgebung ohne Strom.
Rodríguez hielt einige Stunden nach den Beben eine Rede an die Nation, rief den Notstand aus, setzte den Schulbetrieb und den öffentlichen Nahverkehr aus und bestätigte, dass der Internationale Flughafen Simón Bolívar wegen „schwerer Schäden“ geschlossen sei.
Kenneth O‘Dell, ein Bauingenieur mit langjähriger Erfahrung, erklärte gegenüber CNN, dass ältere Gebäude, die vor Anfang der 1970er Jahre unter den damals geltenden, weniger strengen Bauvorschriften errichtet wurden, besonders einsturzgefährdet seien. Die USGS wies darauf hin, dass viele Gebäude in der Region aus bewehrtem Ziegelmauerwerk und Lehmziegeln bestehen. Bei diesen Materialien ist bekannt, dass sie anfällig für erdbebenbedingte Zerstörungen sind.
Ein venezolanischer Regierungsvertreter erklärte gegenüber dem kolumbianischen Sender Caracol, die am stärksten getroffene Stadt sei La Guaira. Dort seien Dutzende von Gebäuden eingestürzt, darunter viele, die nach der Katastrophe von Vargas 1999 errichtet worden waren.
Bei den Schlammlawinen und Sturzfluten von Vargas im Dezember 1999 waren Zehntausende in jenem Küstenstreifen im Norden ums Leben gekommen, der auch am Mittwoch am stärksten von den Zerstörungen betroffen war. Bei der Katastrophe wurden im heutigen Staat La Guaira mehr als 8.000 Einfamilienhäuser und 700 Wohnblocks zerstört.
In den darauf folgenden 26 Jahren wurde La Guaira wiederaufgebaut, doch wie sich am Mittwochabend zeigte, ohne die seismische Widerstandsfähigkeit, die der Standort und die Wissenschaft gefordert hatten.
Es gab zwar durchaus Vorwarnungen, die jedoch von den Regierenden ignoriert wurden. Laut einer Studie unter Führung der Penn State University stand in der karibisch-südamerikanischen Plattengrenze ein starkes Erdbeben bevor. Zudem könnten blockierte Verwerfungen entlang des Boconó-Morón-El-Pila-Bruchsystems ein Erdbeben der Stärke 8 auslösen, mit katastrophalen Folgen für Caracas und die umliegenden Gebiete.
Der argentinische Geologe Andrés Folguera erklärte gegenüber A24, die Erdbebenforschung taste sich erst seit kurzem an die Fähigkeit heran, den Zeitpunkt eines Erdbebens vorherzusagen. Derzeit „wissen wir nur, wo es auftreten wird. Was hier fehlt, sind erdbebensichere Gebäude, die der seismischen Gefährdungslage des Gebiets angemessen sind.“
Wie die WSWS in ihrer Analyse der Erdbeben in der Türkei und Syrien im Jahr 2023 schrieb, werden Reaktion auf solche Ereignisse und deren Auswirkungen immer gesellschaftlich bestimmt. David North erklärte damals: „Der gemeinsame Nenner ist immer die Unterordnung von Menschenleben unter den Profit.“ Die Todesopfer in Venezuela hätten nicht sein müssen.
Such- und Rettungstrupps aus ganz Südamerika kommen nach Caracas. Weltweit wurden zahlreiche Hilfsgütersammlungen ins Leben gerufen. Berichte aus Caracas verdeutlichen jedoch die völlig unzureichende Art der Rettungsmaßnahmen. Die wenigen Rettungskräfte gehen von Haus zu Haus und bitten die Bewohner, Schaufeln und einfaches Werkzeug zur Verfügung zu stellen, um die Überlebenden aus den Trümmern zu bergen. Das schwere Gerät, das für diese Aufgaben notwendig ist, findet sich nirgends.
Der US-Imperialismus trägt die direkte Verantwortung
Das Erdbeben hat den maroden Zustand der sozialen Verhältnisse des Landes offengelegt, vor allem in den Bereichen Wohnraum, Gesundheitsversorgung und öffentliche Infrastruktur. Es wurde durch mehr als ein Jahrzehnt wirtschaftlicher und politischer Sabotage seitens der USA systematisch abgewürgt.
Washingtons Sanktionsregime gegen Venezuela, das mehrere aufeinander folgende Regierungen fortgesetzt haben, war ausdrücklich darauf ausgelegt, die venezolanische Bevölkerung durch Hunger, Krankheit und massives Leid zu unterwerfen. Die UN-Sonderberichterstatterin Alena Douhan war schon im Jahr 2021 zu dem Schluss gekommen, dass die Sanktionen der USA „bereits bestehende Krisen verschlimmert“ und „den Import von Maschinen, Ersatzteilen, Medikamenten, Nahrung, landwirtschaftlichen Gütern und anderen wichtigen Gütern“ blockiert haben.
Deswegen gibt es nahezu keinerlei Kapazitäten für die Behandlung von tausenden verwundeten Opfern.
Diese Sanktionen hinderten Venezuela jahrelang daran, die zur Modernisierung des Wohnungsbestands notwendigen Baumaterialien, medizinische Produkte zur Reaktion auf Ereignisse mit massiven Opferzahlen, Wasseraufbereitungs-Chemikalien und Komponenten zur Erhaltung des Stromnetzes zu importieren. Als sich das Erdbeben am Mittwochabend ereignete, waren die Krankenhäuser bereits überlastet, die Infrastruktur marode und die Bevölkerung durch jahrzehntelange vorsätzlich aufgezwungene Entbehrungen geschwächt.
Jetzt erklärte Trump in den sozialen Medien: „Die beiden schweren Erdbeben, die das großartige Volk Venezuelas gerade getroffen haben, sind von gewaltigem Ausmaß und haben eine verheerende Zahl an Todesopfern gefordert. Die USA sind bereit, willens und in der Lage zu helfen!“ Washington kündigte die Entsendung von Such- und Rettungstrupps, medizinische und humanitäre Hilfe und andere Maßnahmen an.
So spricht die gleiche Trump-Regierung, die am 3. Januar 2026 den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro in einem unprovozierten Angriffskrieg durch US-Spezialkräfte entführen ließ und sich damit in eklatanter Weise über das Völkerrecht hinwegsetzte. Trump selbst nannte die Operation prahlerisch eine „Entführungsoperation“ und erklärte, Venezuela werde von Mitgliedern seines Kabinetts „regiert“ werden.
Genau wie Washington das Erdbeben von 2010, das Haiti verwüstete, als Vorwand nutzte, um 20.000 Soldaten zu entsenden, wird es zweifellos auch die derzeitige Katastrophe nutzen, um die Stationierung von Besatzungstruppen in Venezuela zu erleichtern, um das Land besser kontrollieren zu können.
In den sechs Monaten seit dem Überfall wurde Venezuela in eine Halbkolonie verwandelt, die völlig der imperialistischen Strategie des US-Imperialismus untergeordnet ist. Es hat die Rechte zur Förderung und Vermarktung der weltweit größten nachgewiesenen Ölreserven an Washington und seine Partner aus der Wirtschaft abgetreten.
In den vergangenen Wochen haben US-amerikanische und venezolanische Streitkräfte gemeinsame Operationen im rohstoffreichen Landesinneren durchgeführt. Dabei nahmen sie informelle Goldabbautätigkeiten im Orinoco-Bergbaugebiet ins Visier, um den transnationalen Bergbaukonzernen den Weg zu ebnen, die ungehinderten Zugang zu Venezuelas gewaltigen Vorkommen anstreben. Diese Operationen, deren Höhepunkt die außergerichtliche Tötung von Héctor Guerrero Flores, bekannt als „Niño Guerrero” und mutmaßlicher Anführer des Tren-de-Aragua-Kartells, war, enthüllen mit brutaler Deutlichkeit die tatsächlichen Prioritäten beider Regierungen.
In diesem Kontext erklärt die amtierende Präsidentin Rodríguez – die US-amerikanischen und katarischen Regierungsvertretern zuvor im Geheimen versichert hatte, dass die herrschenden Kreise Maduros Absetzung begrüßen würden – jetzt den Ausnahmezustand. Er wird zur Einschüchterung und Unterdrückung der sozialen Wut und zur Förderung der Interessen ihrer imperialistischen Herren dienen.
Die kriminelle Vernachlässigung des venezolanischen Wohnungsbestands ist ebenfalls den chavistischen Regierungen von Hugo Chávez, Nicolás Maduro und nun Delcy Rodríguez zuzuschreiben, die seit 1998 an der Macht sind.
Sie verfügten fast drei Jahrzehnte lang über eine der weltweit größten Einnahmequellen aus dem Erdölexport und erklärten sich zur Vorhut einer „bolivarischen Revolution“ und des „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“. Doch die Wohnblöcke aus Beton und Lehmziegeln in Los Palos Grandes und La Guaira, die Mitte des 20. Jahrhunderts errichtet worden waren und am Mittwochabend wie Kartenhäuser in sich zusammenfielen, stehen als Mahnmal für ihr Vermächtnis.
Eine wirklich sozialistische Regierung, die die Sicherheit und das Leben der Bevölkerung über Profitstreben stellt, hätte diesen jahrzehntelangen Ölreichtum genutzt, um den Wohnungsbestand, das Gesundheitswesen und die öffentliche Infrastruktur systematisch zu modernisieren, neu aufzubauen und auf den Stand des modernen Erdbebenschutzes zu bringen.
Als die Ölpreise einbrachen und der US-Imperialismus seine Sanktionen verschärfte, bürdeten die Chavistas der Arbeiterklasse die Last der Krise auf, nachdem sie versäumt hatten, das Land tatsächlich zu entwickeln.
Die pseudolinken Organisationen – Pablisten, Morenisten und die akademischen Verteidiger des „Bolivarismus“ in ganz Lateinamerika und der Welt – tragen eine hohe Mitverantwortung für dieses Debakel. Sie haben den Widerstand der Arbeiterklasse zwei Jahrzehnte lang in Illusionen in den bürgerlichen Nationalismus kanalisiert, den Chavismo als progressive Alternative propagiert und die Arbeiter daran gehindert, sich einem unabhängigen und internationalistischen sozialistischen Programm zuzuwenden.
