Proteste erschüttern Selenskyj-Regierung nach Entlassung des ukrainischen Verteidigungsministers

Demonstration in Kiew am Sonntag, dem 19. Juli 2026, gegen die Entscheidung des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, Verteidigungsminister Mychailo Fedorow nach nur sechs Monaten im Amt zu entlassen [AP Photo/Dan Bashakov]

Die Entlassung des ukrainischen Verteidigungsministers Mychailo Fedorow und die Umbildung des Kabinetts von Präsident Wolodymyr Selenskyj hat die herrschende Klasse und das Militär des Landes in eine tiefe Krise gestürzt.

Am Samstag versammelten sich in Kiew etwa 10.000 Demonstranten in der Nähe des Nationalen Akademischen Schauspieltheaters „Iwan Franko“ und forderten die Entlassung des neuen Oberbefehlshabers Oleksandr Syrskyj und die Wiedereinsetzung Fedorows. Kleinere Proteste fanden zudem in Odessa, Lwiw, Lutzk, Dnipro, Tscherkasy, Schytomyr, Winnyzja, Tscherniwzi, Riwne, Iwano-Frankiwsk und weiteren Orten statt.

In diesen ukrainischen Städten gab es Proteste gegen die Absetzung Fedorows [Photo by OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL), Natural Earth; erstellt mit QGIS.]

Die Proteste haben die Selenskyj-Regierung erschüttert, die bereits in eine Reihe von Korruptionsskandalen verwickelt ist, in die auch mehrere von Selenskyjs engsten Verbündeten verstrickt sind. Allerdings kann man sie nicht als „Antikriegsproteste“ bezeichnen. Vielmehr waren sie dominiert von frustrierten Veteranen, die den Krieg befürworten, und bessergestellten kleinbürgerlichen Vertretern der so genannten „Zivilgesellschaft“ der Ukraine, die den Krieg grundsätzlich unterstützen, aber Selenskyjs Kriegsführung kritisieren. Von der Demonstration in Kiew gibt es Fotos, auf denen Teilnehmer Transparente mit Fedorows Namen tragen und ausdrücklich die Fortsetzung des Kriegs mit Russland unterstützen, der bereits Hunderttausende von ukrainischen und russischen Arbeitern und Jugendlichen das Leben gekostet hat.

Fedorows Entlassung stieß auch bei einflussreichen ukrainischen Politikern, den westlichen Medien und, hinter verschlossenen Türen, bei NATO-Politikern auf Kritik. Kiews Bürgermeister Witali Klitschko, der eine wichtige Rolle in dem vom Westen unterstützten Putsch im Jahr 2014 gespielt hatte und besonders zum deutschen Imperialismus enge Beziehungen unterhält, kritisierte Fedorows Entlassung offen als „großen Fehler“. Der britische Guardian beschrieb die Entscheidung als „schockierend“ und schrieb, sie habe „hohe europäische Regierungsvertreter aufgeschreckt“.

Am Samstag deutete Selenskyj – der um die prekäre Lage seiner Regierung weiß – an, dass er seine Entscheidung möglicherweise noch einmal überdenken werde: „Es gab gestern und heute viele Beratungen. Natürlich höre ich, was die Leute sagen.“ Er wies darauf hin, dass er sowohl mit Oberbefehlshaber Syrskyj als auch mit Fedorow gesprochen habe. „Es werden Entscheidungen bezüglich der Armee ausgearbeitet“, so Selenskyj.

Nach seiner Entlassung hatte Fedorow enthüllt, er habe Selenskyj die Absetzung von Syrskyj und Generalstabschef Andrij Hnatow empfohlen, weil diese Fedorows Reformpläne ablehnten. Doch Selenskyj lehnte diese Empfehlung letztlich ab und stellte sich auf die Seite Syrskyjs.

Fedorow erklärte auf seiner Pressekonferenz: „Als der Präsident erklärte, er wolle Syrskyj nicht absetzen… erklärte ich, ich würde lernen, mit ihm zusammenzuarbeiten.“ Aber „alle Initiativen, die wir vorschlugen, wurden abgeblockt“. Fedorow warf Syrskyj auch vor, Korruption zu fördern.

Die Spannungen zwischen Fedorow und Syrskyj traten offen zutage, als die Ukraine mit Unterstützung der EU und der USA ihre Drohnen-Langstreckenangriffe auf Ziele weit im Inneren Russlands deutlich ausweitete. Der erst 35-jährige Fedorow war erst vor sechs Monaten zum Verteidigungsminister ernannt worden und wurde vor allem mit dieser Verschärfung des Langstrecken-Drohnenkriegs und der „Gamifizierung“ der vom ukrainischen Militär angegriffenen Ziele in Verbindung gebracht. Das ukrainische Militär hat zudem seine Bemühungen verstärkt, die Krim mit Drohnen anzugreifen. Fedorow kündigte an, die Halbinsel vollständig von Russland „abzuschneiden“.

Sowohl der Guardian als auch die Financial Times beschrieben den Konflikt zwischen Fedorow und Syrskyj als Auseinandersetzung zwischen einem jungen und technikaffinen Reformer und einem Vertreter der „alten Garde“ des ukrainischen Militärs. Die New York Times lobte Fedorow als „Mastermind der ukrainischen Drohnenkriegsführung“ und berichtete, vor seiner Entlassung habe er den Kauf von Artilleriemunition zugunsten von Drohnen blockiert.

Fedorow, der von den westlichen Medien als Hightech-Reformer gepriesen wird, pflegt auch Beziehungen zu den berüchtigten rechtsextremen Gruppen des Landes. Der Neonazi-Blogger Sergio Sternenko zählt zu seinen persönlichen Beratern. Als ehemaliges Vorstandsmitglied und Leiter der Odessa-Gruppe der Neonazi-Organisation Rechter Sektor spielte Sternenko eine zentrale Rolle beim Massaker an 48 linken Aktivisten im Jahr 2014 im Gewerkschaftshaus von Odessa.

Sternenko beschrieb Fedorow als „den besten Verteidigungsminister unserer gesamten Geschichte“ und kritisierte die „bürokratischen Hindernisse und künstlichen Verzögerungen“, die seiner Ansicht nach größere Reformen der ukrainischen Streitkräfte verzögert haben.

In den Tagen nach Fedorows Entlassung verstärkten die ukrainischen Streitkräfte ihre Angriffe mit Langstreckendrohnen sowie auf See massiv. Dabei trafen sie russische Öllager, Tanker der Schattenflotte im Schwarzen Meer und wichtige Logistikzentren weit im Inneren Russlands, darunter Einrichtungen nahe Moskau. Solche Angriffe sind Teil einer Strategie, die speziell Fedorow befürwortet hatte.

Die Ausweitung der Drohnenangriffe in den letzten Wochen und Monaten hat eine ernsthafte Benzinknappheit in Russland, einem der weltweit größten Ölproduzenten, ausgelöst. Zudem fordern sie immer mehr Todesopfer. Am Sonntag wurden bei einem ukrainischen Angriff auf ein Lagerhaus des russischen Onlinehändlers Wildberries in Kotowsk in der Region Tambow mindestens sieben Arbeiter getötet und weitere 25 verwundet. Die Stadt liegt etwa 360 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt.

Ein zweites Wildberries-Lagerhaus außerhalb von Moskau wurde ebenfalls getroffen. Laut russischen Angaben wurde ein Arbeiter dabei verletzt und starb später. Russland reagierte darauf mit einer massiven Angriffswelle auf die ukrainische Hauptstadt Kiew.

Während die westlichen Medien diese Angriffe als Anzeichen dafür feierten, dass die Ukraine den Krieg „gewinnen“ könnte, ist der zunehmende Einsatz von Drohnen nicht zuletzt eine Reaktion auf die massive Desertationskrise, mit der die ukrainische Armee konfrontiert ist. Laut einem Bericht des amerikanischen öffentlich-rechtlichen Fernsehens PBS vom April wurden zu Beginn des fünften Kriegsjahres 150.000 Soldaten bei ihren Einheiten vermisst.

Soldaten, die im Rahmen des Berichts interviewt wurden, erklärten, sie betrachteten den von der NATO unterstützten Stellvertreterkrieg mittlerweile als Farce, in der zahllose Soldaten sinnlos verheizt würden. Der Soldat Andrij erklärte gegenüber PBS: „Ich dachte Menschen würden wertgeschätzt. Ich dachte, es gäbe dort irgendeine Unterstützung. Doch als ich dort ankam, wurde mir klar, dass die Kommandanten die Leute in den Tod schickten. Es war Wahnsinn.”

Loading