Zwei Bücher von Alexander Rabinowitch sind in deutscher Übersetzung beim Mehring Verlag erhältlich: „Die Sowjetmacht: Die Revolution der Bolschewiki 1917“ und „Die Sowjetmacht: Das erste Jahr“.
Alexander Rabinowitch, The Bolsheviks Survive. Petrograd 1919, University of Pittsburgh Press, 2026
Das letzte Buch des jüngst verstorbenen Historikers Prof. Alexander Rabinowitch, The Bolsheviks Survive: Petrograd 1919 (Die Bolschewiki überleben: Petrograd 1919), konzentriert sich auf das zweite Jahr der bolschewistischen Herrschaft in Petrograd. Es stellt einen bedeutenden Beitrag zur Geschichte des Bürgerkriegs dar, der auf die Oktoberrevolution von 1917 folgte. Rabinowitch war zuletzt emeritierter Professor der Indiana University in Bloomington und verstarb am 16. Juni 2026, kurz nach der Veröffentlichung dieses Buches im April. Seine drei vorangegangenen Bände behandelten die Jahre 1917 und 1918. Sie weisen detailliert nach, dass die Oktoberrevolution von 1917 eine tiefgreifende gesellschaftliche Umwälzung war und von der Bolschewistischen Partei angeführt wurde, die in der Arbeiterklasse fest verwurzelt war. Sein letztes Buch ist eine würdige Fortsetzung dieser bedeutenden Buchreihe.
Wie Rabinowitchs frühere Werke basiert auch die aktuelle Studie auf einer bahnbrechenden und beeindruckend akribischen Archivforschung. Es ist fesselnd geschrieben und wurde mit großer Sorgfalt publiziert. Es umfasst eine außergewöhnliche Auswahl bisher unveröffentlichter Archivbilder Petrograds, der Stadt der Revolution von 1917, ihrer Bewohner und der wichtigsten revolutionären Führer, darunter Leo Trotzki, Adolf Joffe, Sarra Rawitsch und Sergej Zorin. Viele von ihnen sollten später eine bedeutende Rolle in der Linken Opposition gegen den Stalinismus spielen.
Das Buch weist zudem viele weitere Stärken von Rabinowitchs früheren Werken auf: Er widmet den politischen Konflikten innerhalb der Bolschewistischen Partei sowie den Stimmungen und Sorgen der Arbeiterklasse große Aufmerksamkeit und zeigt, welche entscheidende Rolle Leo Trotzki für den Sieg der Bolschewiki in der Revolution und im Bürgerkrieg gespielt hat. Rabinowitch argumentiert jedoch, dass die bolschewistische Führung zunehmend den Kontakt zur Arbeiterklasse verloren habe und dazu übergegangen sei, abweichende Meinungen zu unterdrücken, was die Grundlage für die spätere diktatorische Herrschaft Stalins geschaffen habe. Bevor wir diese Kritik näher betrachten, wollen wir einige der wichtigsten historischen Erkenntnisse dieses Buches zusammenfassen.
Der Kampf gegen die Konterrevolution
Anschaulich, lebendig und mit großer Detailtreue beschreibt Rabinowitch die immensen objektiven Herausforderungen, denen sich der junge revolutionäre Staat gegenübersah. 1919 war wohl das schwierigste Jahr des Bürgerkriegs. Obwohl die Novemberrevolution von 1918 Deutschland zum Abzug seiner Truppen aus der heutigen Ukraine zwang, wurden wichtige Regionen von den Weißen Armeen besetzt. Dies hatte unter anderem einen akuten Brennstoffmangel in Petrograd zur Folge, da der Donbass in der heutigen Ostukraine sowie andere Kohlereviere von konterrevolutionären Kräften kontrolliert wurden.
Auch hinter der Front war die Konterrevolution aktiv. Insbesondere die Franzosen und Briten unternahmen große Anstrengungen, um die sowjetischen Truppen und den noch sehr jungen und unerfahrenen Staatsapparat zu unterwandern. Auf der Grundlage von Recherchen in Archiven in Moskau, St. Petersburg und Großbritannien rekonstruiert Rabinowitch die Aktivitäten eines besonders schädlichen Agenten des britischen Geheimdienstes MI6, Paul Dukes, dem es 1919 gelang, ein umfangreiches Spionagenetzwerk aufzubauen.
Dukes’ Operation war zwar auf Petrograd konzentriert, hatte aber weitreichende Auswirkungen auf das Schlachtfeld, wo die Rote Armee den vereinten Streitkräften von über einem Dutzend feindlicher kapitalistischer Länder gegenüberstand. Rabinowitch schreibt, dass Dukes „ein riesiges Netzwerk von meist bezahlten Geheimagenten rekrutierte und leitete, von denen fast alle dem bolschewistischen Regime zutiefst feindlich gesinnt waren. Diese Geheimagenten und Dukes selbst infiltrierten erfolgreich viele der wichtigsten zivilen und militärischen Behörden und Einrichtungen Petrograds, darunter die Gorochowaja 2 [die Zentrale der sowjetischen Geheimpolizei] sowie die Petrograder Garnison.“ (S. 79; in Klammern angegebene Seitenzahlen beziehen sich auf die englische Buchausgabe)
Das Material, das Rabinowitch über die Operationen von Dukes gesammelt hat, wirft neues Licht auf die Hintergründe des Kronstädter Aufstands im März 1921. Kronstadt, 1917 noch ein Zentrum bolschewistischen Einflusses, entwickelte sich bis 1919 zu einem wichtigen Knotenpunkt für die Machenschaften konterrevolutionärer Kräfte. Rabinowitch merkt an: „Dukes baute einen besonders ergiebigen Informationskanal nach Kronstadt und zur Roten Baltischen Flotte auf, über den er einen stetigen Strom wertvoller, aktueller und meist streng vertraulicher militärischer Daten erhielt. So versorgte er London nicht nur mit seinen persönlichen Zusammenfassungen der neuesten Marineinformationen zu sensiblen Personalangelegenheiten, Planungen und Operationen sowie internen Problemen verschiedener Art, sondern auch mit entwendeten Abschriften von Lageberichten, die den Schriftverkehr zwischen Marineoffizieren in Kronstadt sowie zwischen diesen und Moskau offenlegten, mit aktualisierten Planungsunterlagen und mit Informationen zu so nützlichen Themen wie den Standorten von Minenfeldern und anderen wichtigen Zielen.“ (S. 79)
Rabinowitch dokumentiert auch konterrevolutionäre Verschwörungen der finnischen Bourgeoisie, darunter große Terroranschläge in Petrograd Ende März 1919. Die Kapitel, die sich mit diesen konterrevolutionären Verschwörungen und Aufständen befassen, gehören zu den stärksten des Buches und enthalten eine Fülle völlig neuen Materials. Sie verdeutlichen die Komplexität der militärischen, wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen, mit denen die Bolschewiki konfrontiert waren. Jeder Schritt im Vormarsch der konterrevolutionären Armeen wurde durch die Operationen ihrer Agenten hinter der Front unterstützt. Doch ein bemerkenswerter Bericht desselben MI6-Agenten Dukes, der in dem Buch ausführlich wiedergegeben wird, vermittelt auch einen Eindruck davon, warum diese Bemühungen letztendlich scheiterten. Ungeachtet der immensen Schwierigkeiten dieser Zeit hatten die Errungenschaften der Revolution tiefe Wurzeln im Bewusstsein der Massen geschlagen. Einige Passagen aus diesem Bericht von Dukes sind es wert, zitiert zu werden:
Im Bereich der Abendschulen für das Proletariat wurden gewaltige Reformen eingeführt und es wäre töricht anzunehmen, dass sich die Arbeiter, wie antibolschewistisch sie auch sein mögen, in Zukunft einer Einschränkung ihrer Privilegien in dieser Hinsicht fügen werden. Das Lernen in diesen Abendschulen wird eifrig betrieben. Rasche Fortschritte machen junge Arbeiter und Mädchen, denen zuvor die Möglichkeiten einer Bildung vorenthalten waren. Es bedarf keiner Anreize, um Schüler für diese Kurse zu gewinnen, dennoch wird alles getan, um sie attraktiv zu gestalten, bis hin zur Ausgabe kostenloser Abendessen. Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Sport, der Körperkultur, der Gartenarbeit und der Naturkunde. Diese Neuerungen mögen manchmal einseitig und unbeholfen sein und sind stets von kommunistischer Propaganda geprägt, doch alle Lehrer bezeugen den Eifer, mit dem ihre Schüler lernen. Darüber hinaus muss auch das Angebot an kostenlosen Konzerten, Opern- und Theateraufführungen für das Proletariat dem sowjetischen Regime zugute gehalten werden. Die künftige Regierung wird sich mit der Tatsache abfinden müssen, dass es neben der politischen Feindseligkeit gegenüber der bolschewistischen Macht Bereiche gibt, in denen die sowjetischen Reformen die allgemeine Zustimmung der Bevölkerung gefunden haben, und dass Versuche, diese Vorteile einzuschränken, unweigerlich Widerstand hervorrufen werden. (zitiert nach: S. 83–84)
Immer wieder erhob sich die Arbeiterbevölkerung der Stadt, wenn diese Errungenschaften bedroht waren. Am bemerkenswertesten war in dieser Hinsicht der Kampf gegen die Truppen von General Nikolai Judenitsch, die im Herbst 1919 mit Unterstützung der Imperialisten versuchten, Petrograd einzunehmen. Obwohl die Bolschewiki zu spät mit den Vorbereitungen zur Verteidigung der Stadt begannen und sich in einer äußerst geschwächten Lage befanden, konnte der Angriff zurückgeschlagen werden. Rabinowitch zeigt, dass es dafür zwei Hauptgründe gab: erstens die Massenmobilisierung der Arbeiter in der Stadt, darunter viele, die die Bolschewiki zwar politisch nicht unterstützten, aber entschlossen waren, die Revolution zu verteidigen; und zweitens das außergewöhnliche Eingreifen von Leo Trotzki.
In seinem ersten Buch über die Russische Revolution, The Bolsheviks Come to Power von 1976, schilderte Rabinowitch die zentrale Rolle, die Trotzki bei der eigentlichen Machteroberung gespielt hatte. Als Vorsitzender des Militärischen Revolutionskomitees war es letztlich Trotzki, der den Erfolg des Aufstands sicherte: Er hatte den Plan entwickelt und politisch geschickt darauf beharrt, mit der Machteroberung bis zum Zweiten Sowjetkongress zu warten. Rabinowitch vergleicht Trotzkis Rolle bei der Verteidigung von Petrograd im Jahr 1919 mit dieser früheren Meisterleistung.
Während der entscheidenden „Oktobertage“ im Jahr 1917 war es Leo Trotzki, der Vorsitzende des Petrograder Sowjets und de facto Leiter von dessen Militärischen Revolutionskomitee, der mehr als jeder andere den erfolgreichen Aufstieg der Bolschewiki zur Macht maßgeblich herbeiführte. Zwei Jahre später, im Oktober 1919, leitete er als Volkskommissar für das Kriegswesen die Verteidigung dieser historischen Errungenschaft gegen die nahezu sichere Vernichtung durch die angreifende Weiße Nordwestarmee unter General Nikolai Judenitsch. Diese bemerkenswerte Wiederholung seines Erfolgs begann am 16. Oktober, als Trotzki mit seinem Panzerzug von Moskau nach Petrograd aufbrach. (S. 172)
Bevor Trotzki eintraf, lag eine Besetzung Petrograds durchaus im Bereich des Möglichen, und es machte sich bereits eine gewisse Demoralisierung breit. Doch dank seiner außergewöhnlichen politischen, rhetorischen und militärstrategischen Fähigkeiten gelang es Trotzki innerhalb weniger Tage, die Kräfte der Roten Armee und der örtlichen Arbeiterklasse zu mobilisieren.
Um die Verteidigung Petrograds sicherzustellen, musste Trotzki zunächst die Kräfte innerhalb der Stadt konsolidieren und den Rückzug der Truppen der Roten 7. Armee umkehren. Er scheute sich nicht, schonungslos anzuprangern, was er als „beschämende Panik, gefolgt von einer unnötigen Flucht“, bezeichnete. Trotzki tauschte die Führung der Division aus. Er war überzeugt, dass die feindlichen Kräfte für einen direkten Kampf zu schwach seien, und forderte die Offiziere auf, ihren Soldaten diese Tatsache vor Augen zu führen. „Vorwärts, Angriff, Angriff, Angriff, Angriff, Angriff!“, drängte Trotzki. Doch trotz seiner Intervention und der Forderungen nach Verstärkung aus anderen Teilen der Sowjetrepublik musste die Verteidigung Petrograds größtenteils von lokalen Kräften und Einwohnern übernommen werden. In Vorbereitung auf mögliche Stadtkämpfe zur Abwehr einer Besetzung erklärte Trotzki den führenden Bolschewiki vor Ort:
Ihr müsst alle euren Anhängern in den Betrieben, Fabriken und auf Arbeiterversammlungen sagen, dass Petrograd noch nie in so großer Gefahr war wie jetzt. . . . [W]ir müssen uns doppelt absichern – einerseits an der Front, andererseits innerhalb von Petrograd. … Diejenigen, die einen nächtlichen Überfall auf Petrograd versuchen könnten, um schlafenden Arbeitern, Fabrikarbeiterinnen und ihren Kindern die Kehle durchzuschneiden, müssen wissen, dass wir heute Nacht, am morgigen Tag, in der nächsten Nacht und an all diesen furchtbar kritischen Tagen unermüdlich dafür sorgen werden, unsere Kräfte im Innern zu stärken. … Wir sind stark genug, die angreifenden Weißen Garden zu zerschlagen und zu Staub zu zermahlen, selbst wenn sie 10.000 statt drei-, vier- oder fünftausend Mann stark sind … Jeder, der nicht an der Front eingesetzt werden kann, muss für den Häuserkampf mobilisiert werden, auch die Frauen. Arbeiterinnen, Ehefrauen und Mütter werden sich nicht schlechter schlagen als Männer, wenn es darum geht, sich mit Gewehren, Revolvern und Granaten zu bewaffnen, um die russische und die weltweite Arbeiterklasse auf den Straßen, Plätzen und in den Gebäuden von Petrograd zu verteidigen. … Das rote Petrograd bleibt, was es immer war: der Leuchtturm der Revolution, der stählerne Fels, auf dem wir die Kirche der Zukunft errichten werden. Gestärkt durch die vereinten Kräfte des ganzen Landes werden wir Petrograd niemandem ausliefern. (zitiert auf S. 181)
Die Stimmung in Petrograd blieb in den folgenden Tagen düster, während sich die konterrevolutionären Kräfte bereits auf einen Sieg vorbereiteten, den sie als so gut wie sicher betrachteten. Doch in den Tagen vom 21. bis 25. Oktober gelang es den roten Truppen, den wiederholten Vorstoß der Weißen abzuwehren, die bis ins Herz von Petrograd vordringen wollten. Bis zum Ende des Monats war der Versuch, die Stadt der Revolution einzunehmen, gescheitert. Bald darauf ging die Rote Armee in die Offensive. Wie ein US-amerikanischer Vertreter enttäuscht feststellte: „Judenitschs vielbeschworener Vorstoß endete in einer Farce, die die Bolschewiki zusammenschweißte und ihre Begeisterung entfachte.“ (Zitiert auf S. 193)
Die Militärische Opposition
Rabinowitch widmet den Konflikten innerhalb der Bolschewistischen Partei viel Raum. Von besonderer Bedeutung ist sein Kapitel über den Achten Parteitag im März 1919. Damals hatte die sogenannte Militärische Opposition, die von Josef Stalin und vielen seiner zukünftigen Verbündeten unterstützt wurde, innerhalb der Partei erheblich an Boden gewonnen. Hauptziel ihrer Kritik war Leo Trotzkis Konzeption im Aufbau der Roten Armee, die er seit ihrer Gründung im März 1918 leitete. Mit Lenins Unterstützung hatte Trotzki darauf bestanden, eine zentralisierte Kommandostruktur zu schaffen und Militärspezialisten, sogenannte „Spetsy“, der Zarenarmee einzusetzen. Trotzki und Lenin waren überzeugt, dass es notwendig ist, das militärische und technische Fachwissen dieser Spezialisten für die Ziele der revolutionären Armee zu nutzen, auch wenn viele von ihnen der Revolution immer noch feindlich gegenüberstanden. Um ihre militärische Arbeit zu überwachen und zu bewerten, wurden diese Spezialisten der Aufsicht politischer Kommissare unterstellt, die vertrauenswürdige Parteimitglieder waren.
Die Dokumente zu diesem Konflikt wurden nie vollständig ausgewertet. Jahrzehntelang hielt die stalinistische Bürokratie wichtige Protokolle der Debatten mit der Militärischen Opposition zurück, insbesondere jene der geschlossenen Sitzungen des Achten Parteitags. Solche geschlossenen Sitzungen dienten dazu, die Diskussion über hochsensible und kontroverse politische Fragen auf eine bestimmte Anzahl von Delegierten zu beschränken. Im Gegensatz zu den sonstigen Parteitagsprotokollen wurden die Protokolle der geschlossenen Sitzungen nicht offiziell veröffentlicht.
Gestützt auf eine sorgfältige Untersuchung dieser Quellen stellt Rabinowitch fest, dass die „Militärische Opposition in allen vier geschlossenen Sitzungen der Militärsektion des Parteitags eine überwältigende Mehrheit hatte“. (S. 41) Die Diskussionen waren so hitzig, dass Trotzki und seine Anhänger bei einer der Sitzungen wütend den Saal verließen. Auf der Grundlage von Protokollen, die in den letzten Jahren der Sowjetunion freigegeben wurden, kommt Rabinowitch zu dem Schluss, dass sich Trotzkis Position erst nach einem energischen Eingreifen Lenins durchsetzen konnte. Er schreibt:
Mit der für ihn charakteristischen Bestimmtheit und bisweilen leidenschaftlich widerlegte Lenin die Argumente der Militärischen Opposition …, wobei er auch einräumte, dass es unangebracht gewesen sei, dass eine Minderheit die Militärsektion vor Abschluss ihrer Arbeit verlassen hatte. Dennoch war er offensichtlich zutiefst verärgert über den Verlauf der Diskussionen zur Militärfrage in der Militärsektion. Er verurteilte Smirnows Thesen [für die Militärische Opposition] sowohl einzeln als auch in ihrer Gesamtheit mit bemerkenswerter Schärfe. (S. 42)
Rabinowitch hebt hervor, wie bedeutend es war, dass Trotzki mit seiner Konzeption vom Aufbau einer hochdisziplinierten Roten Armee unter Einbeziehung von Militärexperten einen knappen, aber letztlich entscheidenden Sieg davontrug. Es war, so Rabinowitch, „ein entscheidender Schritt hin zum endgültigen Sieg im Bürgerkrieg. Die abschließende Resolution des Parteitags zur Militärfrage festigte den Ruf Trotzkis als Architekt des sowjetischen Erfolgs im Russischen Bürgerkrieg und – neben Lenin – als sein herausragender Held.“ (S. 50)
In seiner Biografie über Stalin geht Trotzki ausführlich auf den Konflikt mit der Militärischen Opposition ein. Er unterscheidet zwei Gruppen: Die eine, angeführt von Stalin, organisierte vor allem jene Schichten innerhalb der Partei, die von nationaler und provinzieller Engstirnigkeit geprägt waren und eine politische Kontrolle und Disziplin durch das zentrale Militärkommando ablehnten. Doch Trotzki merkt an: „Es gab aber auch viele fortgeschrittene Arbeiter, kämpferische Elemente, die über frische Reserven von Energie verfügten und die nur mit Besorgnis die Ingenieure, Offiziere und Professoren von gestern von neuem auf den Kommandoposten sahen.“ Diese Stimmung unter den Arbeitern, so Trotzki weiter, „spiegelte in letzter Analyse einen Mangel an Vertrauen in die eigene Kraft und den Zweifel daran wider, dass die neue Klasse, die die Macht übernommen hatte, imstande sein würde, die breiten Schichten der alten Intelligenz zu beherrschen und zu kontrollieren.“[1]
Die sozialen und politischen Ansichten der Schichten, die sich um Stalin scharten, betrachtete Trotzki als „eine Folge der Zentrifugaltendenzen, die die Revolution mit sich gebracht hatte, des Provinzialismus der weit ausgedehnten einzelnen Gebiete, des spontanen Unabhängigkeitsgeistes, der noch nicht die Zeit oder die Möglichkeit gehabt hatte auszureifen“.[2]
Der Konflikt, der auf dem Achten Parteitag ausbrach, wurde in erheblichem Maße von Stalin und seiner sogenannten Zarizyn-Gruppe vorbereitet. Dazu gehörte zum Beispiel Kliment Woroschilow, der später eine unheilvolle Rolle in der stalinistischen Konterrevolution spielen sollte. In Trotzkis Erinnerungen war es Stalin, der bei vielen der Konflikte im Vorfeld des Achten Parteitag „von der Kulisse aus die Opposition lenkte“.
Rabinowitchs Analyse der Spannungen zwischen den Parteiorganisationen in Petrograd und Moskau sowie der Rolle von Grigori Sinowjew, damals Leiter der Petrograder Parteiorganisation, wirft weiteres Licht auf die Konflikte innerhalb der bolschewistischen Führung. Sinowjew war ein langjähriger enger Mitarbeiter Lenins, gehörte aber 1917 zum rechten Flügel der bolschewistischen Parteiführung. Als Lenin für die sozialistische Machteroberung kämpfte, führte Sinowjew die Opposition gegen ihn an – mit dem Argument, ein Aufstand sei „verfrüht“. Wie Trotzki später anmerken sollte, spielte Sinowjew eine wesentliche Rolle bei Stalins Aufstieg zur Macht, insbesondere bei dessen Ernennung zum Generalsekretär. In The Bolsheviks Survive liefert Rabinowitch wichtige Hintergrundinformationen dazu, wie Sinowjew in der Zeit nach 1917 seine Stellung in der Partei festigte.
Ungeachtet seiner erheblichen politischen Schwächen genoss Sinowjew unter den Petrograder Arbeitern große Beliebtheit und wurde 1919 zum Vorsitzenden der neu gegründeten Kommunistischen Internationale ernannt. Im selben Jahr übernahm er zudem viele organisatorische Aufgaben von Jakow Swerdlow, dem brillanten und äußerst prinzipientreuen Sekretär des Zentralkomitees, der Anfang März 1919 verstorben war. Trotz Sinowjews wachsender internationaler und nationaler Rolle wird in Rabinowitchs Darstellung deutlich, dass seine Einstellung in dieser Zeit weiterhin von Engstirnigkeit geprägt war. Er hatte es nie verziehen, dass die „revolutionäre Hauptstadt“ 1918 von Petrograd nach Moskau verlegt worden war. Wie bereits in den Abschnitten zur Militärischen Opposition verzichtet Rabinowitch jedoch darauf, die größere politische und historische Bedeutung der Spannungen zwischen Petrograd und Moskau zu analysieren, die über die unmittelbare Zeit des Bürgerkriegs hinausgeht. Das liegt daran, dass sich Rabinowitch voll und ganz auf den konkreten Untersuchungszeitraum seines Buchs konzentrier. Er neigt dazu, weiterreichende politische Urteile zu vermeiden, die nicht durch direkte empirische Belege gestützt werden. Er unternimmt keinen Versuch, eine Verbindung zwischen den Ereignissen von 1919 und den innerparteilichen Konflikten herzustellen, die vier Jahre später ausbrechen sollten.
Dennoch trägt Rabinowitchs Darstellung zweifellos dazu bei, den politischen Hintergrund des späteren Bündnisses zwischen Sinowjew und Stalin im Jahr 1923 gegen Trotzki zu verstehen. In einer pointierten Bemerkung bezeichnet Rabinowitch Sinowjew als „einen alten Bolschewiken unter den alten Bolschewiken“, womit er andeuten will, dass Sinowjews Positionen symptomatisch für eine breitere Tendenz innerhalb einer Schicht der alten Bolschewiki waren.
Seine Darstellung hilft auch zu verstehen, warum Trotzki 1926 anfänglich zögerte, einen Block mit Sinowjew in der „Vereinigten Linken Opposition“ zu bilden, sich aber letztlich doch dafür entschied. Zum einen hatte Sinowjew beträchtlichen Einfluss in der Petrograder Arbeiterklasse – ungeachtet seiner Rolle in der Kampagne gegen Trotzki in den Jahren 1923–1924 und seiner erheblichen politischen Schwächen. Seine Abkehr von Stalin spiegelte somit umfassendere politische Verschiebungen innerhalb eines wichtigen Teils des sowjetischen Proletariats wider. Zum anderen verkörperte Sinowjew eine Tendenz unter den alten Bolschewiki, die zwar das Programm der permanenten Revolution nie vollständig akzeptiert hatte, aber zutiefst beunruhigt über Stalins opportunistische Politik in den Jahren 1924–1926 war und zunehmend zur Überzeugung gelangt war, dass der Kampf der Linken Opposition, der 1923 begonnen hatte, gerechtfertigt war.
Der Bürgerkrieg, der Stalinismus und die internationale Revolution
Rabinowitch hebt besonders stark die wachsende Unzufriedenheit der Petrograder Arbeiterklasse mit den Bolschewiki hervor. Er stellt fest, dass viele der zuverlässigsten Kommunisten aus der Arbeiterklasse an die Front eingezogen worden waren, und liefert erschütternde Zahlen, die den Mangel an Kadern in Petrograd belegen. Er schreibt: „Praktisch jedes auch nur annähernd kompetente führende Parteimitglied, das sich noch in Petrograd befand, hatte mehrere Aufgaben in der Partei, der Regierung und/oder den Gewerkschaften inne. Viele von ihnen waren zudem entweder Redakteure oder regelmäßige Autoren der Partei- und Regierungspresse.“ (S. 17) Diese Situation verstärkte die Notwendigkeit einer extremen Zentralisierung und einer straffen, militärisch geprägten Kontrolle.
Rabinowitch betont zudem, dass die Gewerkschaften, gemessen an ihrer Mitgliederzahl, um ein Vielfaches größer waren als die Partei und dass sie eine zentrale Rolle bei der Verteidigung Petrograds spielten. Seiner Einschätzung nach standen die meisten Arbeiter loyal zur Revolution, sträubten sich jedoch dagegen, in die Partei rekrutiert zu werden.
Rabinowitch zufolge erklärt sich die Hinwendung der Bolschewiki zum Autoritarismus aus der zunehmenden Isolation der Kommunisten innerhalb der Arbeiterklasse und dem wachsenden Druck der Konterrevolution. Er schreibt: „Für einen Großteil der lokalen und nationalen kommunistischen Führung, die weiterhin an das Herannahen egalitärer sozialistischer Revolutionen im Ausland glaubten, rechtfertigten die potenziell verhängnisvollen Umstände eine immer straffere und rigidere Zentralisierung und einen zunehmenden Autoritarismus innerhalb der Partei und der Sowjets, von oben bis unten, begleitet von blutigem Terror und zunehmender Repression im Namen des politischen und physischen Überlebens.“ (S. 267)
Die Linken Sozialrevolutionäre, mit denen die Bolschewiki 1917–1918 vorübergehend eine Koalition gebildet hatten, organisierten 1919 große Streiks, wie Rabinowitch hervorhebt. Er widmet zudem einer Strömung innerhalb der Bolschewistischen Partei große Aufmerksamkeit, die er etwas verwirrend als „Linke Opposition“ bezeichnet. Sie gruppierte sich um die Demokratischen Zentralisten, die von Timofei Sapronow und Wladimir Osinski angeführt wurden. Vier Jahre später schlossen sich die Demokratischen Zentralisten mit Trotzki zu einem Block zusammen und unterzeichneten im Oktober 1923 das Gründungsdokument der Linken Opposition, die „Erklärung der 46“. In dieser Zeit waren sie jedoch erbitterte Gegner von Lenin und Trotzki und stellten ihre Parteiführung bisweilen äußerst unnachgiebig in Frage.
Wie viele Historiker hegt Rabinowitch deutliche Sympathien für die Argumente der Demokratischen Zentralisten, die auf mehr innerparteiliche Demokratie drängten. Es sollte betont werden, dass Lenin durchaus anerkannte, dass die Demokratischen Zentralisten berechtigte Sorgen der Arbeiter hinsichtlich der Bürokratisierung der Partei zum Ausdruck brachten. Er war aber auch vorsichtig, weil er befürchtete, dass solche Sorgen leicht von konterrevolutionären Kräften manipuliert werden könnten. In politischer Hinsicht repräsentierten die Demokratischen Zentralisten einen Zusammenschluss eines eher national orientierten Teils der Parteiintelligenz und der Arbeiter, die befürchteten, dass sie als Klasse nicht in der Lage sein würden, die Errungenschaften der Revolution zu bewahren. Die grundlegende Schwäche der Demokratischen Zentralisten lag jedoch in ihrer Gleichgültigkeit gegenüber Fragen der internationalen Strategie.
Rabinowitch deutet darauf hin, dass engstirnige nationale Einstellungen in der Stadtbevölkerung relativ weit verbreitet waren. So schreibt er, dass es 1919 „eine anhaltende Unzufriedenheit an der Basis gab, weil die Petrogradskaja Prawda [die führende lokale bolschewistische Zeitung] weiterhin den Schwerpunkt auf allgemeine internationale und nationale Themen legte, auf Kosten der alltäglichen Sorgen der einfachen Arbeiter“. (S. 258)
Rabinowitch teilt diese Sichtweise teilweise. Er widmet den sozialen und wirtschaftlichen Problemen der Petrograder Arbeiterklasse beträchtliche Aufmerksamkeit. Aber er erwähnt in seinem Buch mit keinem Wort die Gründung der Kommunistischen Internationale im März 1919, obwohl sie aus der Perspektive der Entwicklung der revolutionären Bewegung und der Oktoberrevolution das mit Abstand wichtigste Ereignis jenes Jahres war. Viele der zentralen Protagonisten seines Buches – darunter Trotzki, aber auch Sinowjew – widmeten einen großen Teil ihrer politischen Energie der Kommunistischen Internationale, während sie gleichzeitig fieberhaft daran arbeiteten, die Revolution in Petrograd und darüber hinaus zu verteidigen.
Rabinowitchs große Stärke – seine außergewöhnliche Detailtreue und gründliche Quellenforschung – wird zur Schwäche, wenn die konkreten Gegebenheiten vor Ort den Blick auf das Gesamtbild trüben. Bisweilen geht die größere Entwicklung – vor allem der internationale Verlauf der Revolution – in der Vielzahl der zugegebenermaßen faszinierenden Details über die Ereignisse in Petrograd unter. Dies erschwert das Verständnis einiger der wichtigsten Erkenntnisse Rabinowitchs über das sich wandelnde Verhältnis zwischen den Bolschewiki und der Arbeiterklasse sowie über die gewaltigen Spannungen, die sich innerhalb der bolschewistischen Führung aufbauten.
1919 erreichte der Bürgerkrieg seinen Höhepunkt. Die Bolschewiki forderten noch weitere Opfer von den Arbeitern, die bereits so viel geopfert hatten. In dieser Zeit sahen die Bolschewiki ihre Hauptaufgabe darin, die Errungenschaften der Sowjetmacht zu verteidigen, die sie lediglich als den Beginn der Weltrevolution betrachteten.
In Deutschland hatte die revolutionäre Bewegung mit der Niederlage der Novemberrevolution von 1918/19 und der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht enorme Rückschläge erlitten. Dennoch war die Zeit der revolutionären Aufstände noch nicht vorbei und ihre endgültige Niederlage nicht vorbestimmt. 1923 entstand in Deutschland erneut eine revolutionäre Situation. Wäre eine dieser Revolutionen erfolgreich gewesen, hätte sich die sozioökonomische Lage der Sowjetrepublik dramatisch verändert – ebenso wie die Stimmung innerhalb der Arbeiterklasse.
Doch als die Revolution im Ausland ausblieb, gewannen Desillusionierung und konservative Stimmungen die Oberhand. Unter diesen Bedingungen wurden die nationalistischen Tendenzen innerhalb der Bolschewistischen Partei gestärkt, die sich schon in der Militärischen Opposition und an anderen kritischen Momenten während des Bürgerkriegs bemerkbar gemacht hatten. Aus dieser Perspektive ist Rabinowitchs Darstellung der verschiedenen Strömungen innerhalb der Bolschewistischen Partei während des Bürgerkriegs für das Verständnis der Entstehung des Stalinismus weitaus wichtiger als einzelne Entscheidungen und Fehler, die 1919 gemacht wurden.
Trotz dieser Schwächen hat Rabinowitch ein außerordentlich wichtiges Werk verfasst. Es ist beachtenswert, dass er die Arbeit in einem sehr hohen Alter mit der Unterstützung seiner Frau, der renommierten Lektorin Janet Rabinowitch, vollbracht hat. Diese Leistung zeugt von einem außergewöhnlichen Maß an wissenschaftlicher Hingabe und Integrität. Sein letztes Buch verdient – ebenso wie seine vorherigen Werke – ein sorgfältiges Studium von allen, die sich für das Schicksal der sozialistischen Revolution des 20. und 21. Jahrhunderts interessieren.
