Russland und Ukraine bluten aus - NATO-Krieg droht Europa zu erfassen

Ein ukrainischer Soldat bereitet eine Angriffsdrohne des Typs „Tschaklun“ für Tiefenoperationen auf russische Stellungen auf der Krim vor. Aufgenommen am Donnerstag, dem 6. August 2026, an einem unbekannten Ort in der Ukraine. [AP Photo/Dan Bashakov]

Am Wochenende berichtete die Sunday Times, die Ukraine habe im Rahmen ihrer Angriffsserie auf Industrieanlagen in der Russischen Föderation Drohnen eingesetzt, die von zwei britischen Unternehmen hergestellt wurden.

Eine Quelle aus dem britischen Militär erklärte dazu: „Russland hat es sehr gut verstanden, den Westen in der Sorge zu halten, man könne zu hart gegen das Land vorgehen. Mit diesen Angriffen signalisiert das Vereinigte Königreich nun sowohl Russland als auch unseren Verbündeten, dass wir nicht mehr [besorgt] sind.“

Die russische Botschaft in London reagierte am Montag und erklärte, der Bericht bestätige, dass sich „London bewusst für eine Eskalation der Ukraine-Krise entschieden hat“. Sie warf Großbritannien vor, „Russland eindämmen und ihm durch Stellvertreter größtmöglichen Schaden zufügen zu wollen“.

Sie warnte: „Londons Vorgehen wird unweigerlich Konsequenzen haben, für die man sich verantworten muss. Je weiter die Beteiligung an dem Konflikt und je größer die Unterstützung für Kiews Terrormaschinerie, desto höher wird der Preis sein, den [Großbritannien] dafür zahlt.“

Ein Sprecher des britischen Verteidigungsministeriums legte nach und erklärte vor der Presse, Großbritannien sei „entschlossen, der Ukraine die Ausrüstung zu liefern, die sie braucht, um sich gegen Putins völkerrechtswidrige Invasion zu verteidigen. Russland solle nicht an der Entschlossenheit dieser Regierung zweifeln, sich der russischen Aggression entgegenzustellen, sowohl in der Ukraine als auch gegenüber dem Vereinigten Königreich und unseren Verbündeten.“

Der britische Labour-Premierminister Andy Burnham erklärte am Dienstag, Großbritannien „tut das, was es schon lange angekündigt hat: Die Ukraine zu 100 Prozent unterstützen“.

Das ist nur der aktuellste derartige Schlagabtausch. Präsident Wladimir Putin hatte auf die Beschlagnahmung von Schiffen mit russischem Öl und anderer Fracht durch europäische Mächte mit der Warnung reagiert, Russland sehe sich „gezwungen, in gleicher Weise zu reagieren“.

Nachdem Großbritannien der Ukraine im Mai 2023 Storm-Shadow-Raketen geliefert und ihr ein Jahr später offiziell die Erlaubnis zum Einsatz gegen Ziele im Inneren Russlands erteilt hatte, erklärte die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, Russland könne britische Ziele „auf dem Gebiet der Ukraine und jenseits ihrer Grenzen“ angreifen.

Weder die imperialistischen Regierungen noch die Medien erklären jedoch, dass die Welt kurz davor steht, dass eine dieser Drohungen in die Tat umgesetzt wird, was zu einem direkten Konflikt zwischen Atommächten führen würde.

Ein Bericht des Magazins Politico von letzter Woche unterstreicht die Gefahr. Darin hieß es, der ukrainische Rüstungskonzern Fire Point würde bis Herbst eine ballistische Rakete fertigstellen – derzeit ist Kiew in diesem Bereich klar unterlegen, während mittlerweile 200 russische Raketen die Ukraine jeden Monat fast nach Belieben treffen. Die ukrainische FP-9-Variante soll nun eine Reichweite von 855 Kilometern haben – weit genug, um Moskau zu erreichen.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte, diese Entwicklung würde notwendigerweise „einige Elemente aus anderen Ländern“ beinhalten, d.h. NATO-Geheimdienstdaten und Zielerfassungssysteme.

Die Gefahr einer Eskalation über die Grenzen Russlands und der Ukraine hinaus ist Ausdruck der brutalen Intensität des Kriegs innerhalb der beiden Länder. Luftangriffe fordern immer mehr zivile Todesopfer. Laut New York Times kamen in den ersten sieben Monaten des Jahres 327 russische Zivilisten ums Leben; im Vorjahreszeitraum waren es 145. Weitere 2.366 wurden verwundet, d.h. doppelt so viel wie im gesamten letzten Jahr.

Nach Angaben der Vereinten Nationen verzeichnete die Ukraine im Juli die höchsten zivilen Opferzahlen in einem Monat seit 2022: 437 Todesopfer und 2.610 Verwundete. Im Vergleich zum Juni bedeutete dies einen Anstieg um 30 Prozent und um 70 Prozent gegenüber Juli 2025.

In den ersten sieben Monaten des Jahres kamen 1.830 Zivilisten ums Leben – womit die Gesamtzahl der toten Zivilisten im Krieg auf über 16.000 anstieg – und 10.638 Menschen wurden verwundet. Diese Gesamtzahl bedeutet einen Anstieg von 44 Prozent gegenüber dem gleichen Zeitraum im Jahr 2025 und mehr als doppelt so viel wie im gleichen Zeitraum 2024.

Arbeiter und ihre Familien werden im Rahmen von Angriffen auf Industrieanlagen, Verkehrs-, Energie- und Exportinfrastruktur getötet. In der Ukraine wurden mehrere Häfen angegriffen, vor allem Odessa und Ismail – wichtige Exporthäfen für Agrarprodukte – zudem Frachtschiffe wie die Golden Leo und die Venturo.

Die Energieinfrastruktur wurde ständig angegriffen, vor allem vor und während der Wintermonate. Zahlreiche Angriffe richteten sich gegen Stromerzeugungs-, Umspann- und Verteilwerke, Heiz- und Kraftwerke, wodurch wiederholt große Teile der Stromerzeugungs-Kapazität ausfielen. Auch die Eisenbahninfrastruktur wurde Ziel von Hunderten von Angriffen, die im Jahr 2026 eskalierten.

In Russland wurden mindestens zwei Dutzend große Ölraffinerien getroffen, was im Juli 2026 zu einem Rückgang der russischen Ölexporte auf dem Seeweg um 33 Prozent gegenüber dem Vormonat führte. Sieben wichtige Häfen wurden beschädigt, dabei handelte es sich überwiegend um Ölverladehäfen, doch auch der Getreideexport-Hafen Noworossijsk war betroffen. Zehn Lagerhäuser des russischen Amazon-Äquivalents Wildberries wurden angegriffen. Nach Angaben der Ukraine wurden sieben davon außer Betrieb gesetzt, was bis zu 20 Prozent der gesamten Lagerkapazität betraf.

Immer mehr „tiefe Angriffe“ mit Drohnen und Raketen sind eine Reaktion auf die Tatsache, dass die Kämpfe an der Front eine verlustreiche Pattsituation erreicht haben – ein mörderischer Mahlstrom aus Schützengräben, Artillerie und Drohnen. Laut dem Institute for the Study of War haben russische Streitkräfte in der ersten Hälfte des Jahres 2026 nur 7,87 Prozent des Territoriums erobert im Vergleich zur ersten Hälfte des Jahres 2025.

Beide Seiten verheizen jeden Monat zehntausende Soldaten. Laut der imperialistischen Denkfabrik Center for Strategic and International Studies (CSIS) – die allen Grund hat, diese Zahlen herunterzuspielen – wurden seit Beginn des Kriegs etwa 125.000 bis 150.000 ukrainische Soldaten getötet. Dazu kommen bis zu 475.000 Verwundete und Vermisste.

Das CSIS behauptet, Russland habe 400.000 bis 450.000 tote Soldaten zu beklagen, bei insgesamt 1,4 Millionen Opfern. Die Nachrichtenseite Mediazona, die von russischen Oppositionellen im Exil betrieben wird und mit dem russischen Dienst der BBC zusammenarbeitet, hat 239.000 russische Todesopfer anhand von Social-Media-Posts der Angehörigen, lokalen Medienberichten und Aussagen regionaler Behörden identifiziert. Sie schätzen die tatsächliche Zahl auf 352.000 Tote, basierend auf der männlichen Übersterblichkeit und Daten des Nationalen Nachlassregisters.

Man kann keinen Zahlen uneingeschränkt trauen, aber es ist klar, dass die Gesamtzahl der Opfer erschreckend hoch ist. Dieser brutale Abnutzungskrieg zielt darauf ab, auf die Gesellschaft der anderen Seite genügend Druck auszuüben, um einen Zusammenbruch zu erzwingen. Die Ukraine, ein Klientelstaat der NATO, strebt einen Regimewechsel in Russland zu Gunsten der imperialistischen Mächte an. Um dies zu verhindern, will Russland der Ukraine das Genick brechen.

Die Belastung fordert ihren Tribut. Beide Seiten haben Schwierigkeiten, genügend Soldaten für ihre Armeen zu rekrutieren. Die ukrainische Wirtschaft liegt in Trümmern: Sie ist im Vergleich zum Vorkriegszustand um ein Fünftel geschrumpft, und der Wiederaufbau wird das Dreifache des BIP erfordern. Sie ist völlig von ausländischen Krediten und Hilfen abhängig. Die EU hat ihr im April 2026 105 Milliarden Dollar geliehen, um den Zeitraum bis 2027 abzudecken. Allerdings braucht die Ukraine noch immer 52 Milliarden Dollar.

Russland hält seine Kriegswirtschaft auf Kosten aller andern Bereiche aufrecht. Andrei Klepatsch, der Chefökonom der Entwicklungsbank WEB, der zweitgrößten Bank des Landes, wurde diese Woche entlassen, nachdem er gewarnt hatte, dass Russland nicht nur gegen die Ukraine kämpft, sondern auch gegen die NATO:

Wir fallen zurück. Wir verlieren den globalen Wettbewerb – sowohl technologisch als auch wirtschaftlich. Und, wie ich bereits erwähnt habe, verlieren wir ihn nicht nur gegen China und die USA, sondern in gewisser Weise auch gegen die Ukraine.

Die ukrainische Wirtschaft ist natürlich teilweise zerstört; es herrscht eine demografische Katastrophe. Doch sie überlebt einmal mehr trotz allem. Natürlich hat sie enorme finanzielle Unterstützung... Mit dieser Unterstützung für Militärausgaben und ihre eigenen Kosten sind das fast 50 Prozent unseres Etats...

Ich glaube zwar nicht, dass Russland zusammenbrechen wird, aber ich bin mir fast sicher, dass wir eine soziale Krise erleben werden. Es wird keinen wirtschaftlichen Zusammenbruch geben, aber unser Rückstand wird größer, mit allen Folgen, die sich daraus ergeben.

Angesichts der Tatsache, dass die NATO ein Friedensabkommen mit Bedingungen anstrebt, die das Ende der Putin-Regierung und die Vorbereitung eines von der NATO unterstützten Angriffs auf die Krim bedeuten würde, steht die russische Regierung unter Druck, sich durch Eskalation aus der Lage zu befreien. Die Ukraine baut derweil ihre Fähigkeit weiter aus, Russland anzugreifen.

Die Verschärfung des Kriegs und seine Kosten führen jedoch zu einem Erstarken des Widerstands innerhalb der Arbeiterklasse. Klepatsch warnte: „Ich möchte daran erinnern, dass niemand mit der Februarrevolution gerechnet hat. Lenin schrieb im Dezember 1916: ‚Wir werden sie nicht mehr erleben‘ – aber er erlebte sie nur wenige Monate später.“

Genau darin besteht die panische Angst der russischen und ukrainischen Oligarchien und treibt sie dazu, die Antikriegsstimmung zu unterdrücken.

Der bedeutendste politische Gefangene des Kriegs ist Bogdan Syrotjuk, weil er repräsentiert, was die herrschende Klasse am meisten fürchtet. Er wurde von einem ukrainischen Gericht zu 15 Jahren Haft verurteilt, weil er sechs Artikel für die World Socialist Web Site geschrieben hatte. Er kämpft für einen vereinten sozialistischen Kampf russischer, ukrainischer und europäischer Arbeiter gegen den Krieg.

Die Arbeiterklasse kann sich aus dem Blutbad in Russland und der Ukraine sowie der drohenden Katastrophe in Europa nur befreien, indem sie sich die revolutionäre internationalistische Perspektive zu eigen macht, für die Bogdan und das Internationale Komitee der Vierten Internationale kämpfen.

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