Historiker Wendy Goldman und Lewis Siegelbaum sowie weitere Akademiker und Arbeiter fordern Freiheit für Bogdan Syrotjuk

Bogdan Syrotjuk mit einem Bild von Leo Trotzki in einer alten sowjetischen Ausgabe von John Reeds 10 Tage, die die Welt erschütterten, April 2023

Am Bezirksgericht von Perwomajsk und dem Berufungsgericht von Nikolajew treffen weiterhin Briefe von Historikern, Arbeitern und Kriegsgegnern aus aller Welt ein, die die Freilassung des ukrainischen Sozialisten Bogdan Syrotjuk fordern. Der 27-jährige Bogdan, der die trotzkistische Organisation Junge Garde der Bolschewiki-Leninisten leitete, wurde am 10. August wegen „Hochverrats“ zu 15 Jahren Haft verurteilt. Die einzigen „Beweise“ gegen ihn sind sechs Artikel, die er für die World Socialist Web Site geschrieben hat. Darin rief er die ukrainischen und russischen Arbeiter dazu auf, sich gegen den Krieg zu vereinen.

Einer der jüngsten Briefe stammt von Wendy Z. Goldman, die die Paul-Mellon-Professur für Geschichte an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh innehat. Goldman zählt zu den führenden Historikern für die Geschichte der Sowjetunion in den USA. Zu ihren Werken gehören: Women, the State and Revolution: Soviet Family Policy and Social Life, 1917–1936, Terror and Democracy in the Age of Stalin: The Social Dynamics of Repression, Inventing the Enemy: Denunciation and Terror in Stalin’s Russia und, zusammen mit Donald Filtzer, Fortress Dark and Stern: The Soviet Home Front during World War II. In ihrem Brief an das Gericht schreibt sie:

An das Bezirksgericht von Perwomajsk:

Ich bin Inhaberin der Paul Mellon Distinguished Professorship of History an der Carnegie Mellon University in den Vereinigten Staaten. Ich schreibe Ihnen, um meine tiefe Besorgnis über die jüngste Verurteilung von Bogdan Syrotjuk zum Ausdruck zu bringen. Herr Syrotjuk wurde des Hochverrats für schuldig befunden und zu einer harten und langen Haftstrafe verurteilt. Er hat nichts anderes getan, als sich gegen den Krieg auszusprechen und seine Ablehnung der Rehabilitierung gewisser umstrittener historischer Persönlichkeiten wie Stepan Bandera zu äußern. Die Ukraine präsentiert sich immer wieder als demokratisches Land – im Gegensatz zu Russland. Wenn sie wirklich die demokratischen Werte wahrt, sollte sie die freie Meinungsäußerung nicht kriminalisieren. In den USA führen wir ebenfalls heftige Debatten über verschiedene historische Persönlichkeiten, die von vielen als Rassisten angesehen werden. Allerdings wurde bei uns niemand eingesperrt, weil er seine Meinung über diese Persönlichkeiten geäußert hat. Die Ukraine hat sich gegenüber Europa und den Vereinigten Staaten als Leuchtturm der Demokratie präsentiert. Wie ist es möglich, dieses Image zu verbreiten und gleichzeitig Menschen dafür einzusperren, dass sie Ansichten äußern, die von denen des Staates abweichen?

Bitte lassen Sie die Anklage gegen Bogdan Syrotjuk fallen. Niemand sollte wegen seiner Überzeugungen inhaftiert werden.

Hochachtungsvoll
Wendy Z. Goldman

Ein weiteres Schreiben kam von Lewis H. Siegelbaum, ebenfalls ein führender amerikanischer Historiker zu sowjetischer Geschichte. Er ist emeritierter Jack and Margaret Sweet Professor für Geschichte an der Michigan State University und Autor von Stakhanovism and the Politics of Productivity in the USSR, 1935–1941, Soviet State and Society between Revolutions, 1918–1929, Cars for Comrades: The Life of the Soviet Automobile und, zusammen mit Leslie Page Moch, Broad Is My Native Land: Repertoires and Regimes of Migration in Russia’s Twentieth Century. Zudem ist er Mitbegründer des viel besuchten Online-Archivs Seventeen Moments in Soviet History

Siegelbaum schrieb dem Gericht in ukrainischer Sprache. In deutscher Übersetzung heißt es in seinem Brief:

Gemeinsam mit anderen Historikern, die sich mit der Ukraine, Russland und der ehemaligen Sowjetunion befassen, verurteile ich die Anklage gegen Bogdan Syrotjuk wegen „Hochverrats“. Herr Syrotjuk ist ein prinzipientreuer Gegner des Kriegs zwischen Russland und der Ukraine. Aufrufe nach einem Ende des Kriegs im Namen sowohl ukrainischer als auch russischer Arbeiter dürfen kein Grund zur Strafverfolgung sein. Zudem ist seine Verurteilung des Vorgehens des ukrainischen Staats, den Ruf des Nazi-Kollaborateurs Stepan Bandera wiederherzustellen, zu begrüßen und keineswegs ein Grund für eine Strafverfolgung.

Genau wie andere Autoren fordere ich seine unverzügliche Freilassung – im Namen der Meinungsfreiheit, des Mitgefühls und der Gerechtigkeit.

Mit freundlichen Grüßen
Lewis H. Siegelbaum
Jack and Margaret Sweet Professor Emeritus of History
Michigan State University

Aus Großbritannien schrieb Dr. Paul Cowdell, ehrenamtlicher wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bristol, an das Berufungsgericht von Nikolajew, er habe den Fall „von Anfang an aufmerksam verfolgt“ und es sei „sehr deutlich geworden, dass die Vorwürfe völlig haltlos sind“. Weiter schrieb er:

Bogdan wurde beschuldigt, ein Agent der russischen Regierung zu sein, allerdings wurde ihm nie ein Akt der Spionage, Sabotage oder Kollaboration auch nur zur Last gelegt. Die einzigen Beweise gegen ihn waren sechs Artikel und Reden, die er für die World Socialist Web Site geschrieben hat. Doch gerade diese Artikel selbst widerlegen den Vorwurf.

In seinen Artikeln verurteilt er Krieg, Faschismus und Nationalismus. Weit davon entfernt, die russische Regierung zu unterstützen, verurteilte Bogdan den Einmarsch in die Ukraine und stellt sich gegen die Putin-Regierung. Er rief die ukrainischen und russischen Arbeiter dazu auf, sich zu vereinen, um den Krieg zu beenden. Als dem Gericht Details zu dieser eindeutigen Opposition vorgelegt wurden, ignorierte es sie. Die gleichen Artikel, mit denen das Urteil gerechtfertigt wurde, enthalten Beweise, die es widerlegen!

Die gerichtliche Anordnung, Bogdans Bücher zu vernichten, und das Verbot der World Socialist Web Site deuten darauf hin, dass dieses Urteil tatsächlich erging, um seine sozialistische Opposition gegen den Krieg zu unterdrücken. Er wurde für seine politischen Ansichten verurteilt. Dieses Urteil richtet sich gegen das Recht jedes Ukrainers, politische Ansichten zu vertreten oder zu äußern.

Cowdell wies darauf hin, dass „sogar Anhänger der derzeitigen ukrainischen Regierung Unbehagen über die offenkundig undemokratischen Maßnahmen gegen Bogdan“ geäußert haben, während die Regierung „Nazi-Kollaborateure wie Andrij Melnyk und Jewhen Konowalez rehabilitiert“. Er wies auf die Bedingungen hin, denen Bogdan ausgesetzt ist: „Die Gefängnisse in der Ukraine sind überfüllt, die Zahl der Todesfälle in Gewahrsam steigt. Bogdan wurde, wie vielen anderen auch, notwendige medizinische Versorgung verwehrt.“

Viele weitere Personen haben Schreiben an das Gericht geschickt. Wesley Parish schrieb: „Die schreckliche Absurdität, einen Sozialisten vor Gericht zu stellen und zu inhaftieren, weil er Russen und Ukrainer dazu aufgerufen hat, gemeinsam den unsinnigen, ungerechten Krieg zu beenden, würde Franz Kafka zweifellos dazu bringen, sich nicht mehr im Grabe umzudrehen, sondern sich Notizen zu machen.“ Das Urteil zähle „zu den bedeutendsten Werken absurder europäischer Literatur, wie etwa Franz Kafkas Werke oder die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk – mit dem kleinen Unterschied, dass es sich hierbei nicht um Fiktion handelt. Wenn ein Gericht ein Urteil fällt, das die Institution des Gerichts selbst in Misskredit bringt, würde dieses Urteil dann aufgehoben werden.“

Noran Elbana schickte eine Stellungnahme, die Bogdans Fall in den Kontext der Stimmung in der ukrainischen Bevölkerung stellte:

Und wer, außer jenen, die Kriege verursachen und führen, könnte ernsthaft das Leiden, die Zerstörung, das Sterben und die Verwüstungen unterstützen, die der Krieg mit sich bringt? Für die einfache Bevölkerung gibt es im Krieg keine Gewinner. Er hinterlässt trauernde Familien, zerstörte Gemeinschaften und Generationen, die seine Folgen tragen...

Umfragen zufolge wollen 66 Prozent der ukrainischen Bevölkerung eine Verhandlungslösung für ein Ende des Krieges. ... Für unzählige Menschen dürfte die Antwort doch ganz einfach sein: Sie wollen, dass der Krieg aufhört. Sie wollen Frieden. Sie wollen wieder ohne Angst, Verlust und Zerstörung leben.

Bogdan ist Sozialist, und deswegen hat man ihn zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt.

Elbana fügte hinzu: „Zudem gibt es ein dringendes humanitäres Anliegen. Bogdans Gesundheitszustand hat sich seit seiner Verhaftung verschlechtert, und Berichten zufolge hat er keine angemessene medizinische Behandlung erhalten. Sein Recht auf angemessene medizinische Versorgung und menschenwürdige Behandlung darf nicht verletzt werden.“

Wir rufen alle Leser auf, die Petition zu unterzeichnen, ein Schreiben in der eigenen Sprache und in ukrainischer Übersetzung an das Bezirksgericht von Perwomajsk (inbox.mka.court.gov.ua) und an das Berufungsgericht von Mykolajiw (inbox@mka.court.gov.ua) zu schicken, in Kopie an freebogdan@wsws.org, sowie eine größtmögliche Spende für die Kampagne zu Bogdan Syrotjuks Freilassung zu machen.

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