Die rechtsextreme israelische Regierung reagierte mit Hass und Wut auf den Film Naza, der die Verbrechen des zionistischen Regimes an wehrlosen Palästinensern in Gaza aufdeckt.
Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und seine Minister denunzierten die Filmemacher und stellten den Dokumentarfilm als verräterischen Angriff auf den Staat und die Israelischen Verteidigungskräfte (IDF) dar. Netanjahu nahm NAZA als Vorwand für die Ankündigung, ein Gesetz einzubringen, das den Entzug der Staatsbürgerschaft für diejenigen ermöglichen soll, die Soldaten oder den Staat im Ausland „verleumden“. Ein weiteres Gesetz soll die Geldstrafe für die Verleumdung der IDF auf eine Million Schekel bzw. 329.000 US-Dollar erhöhen.
NAZA, ein 80-minütiger Dokumentarfilm der israelischen Regisseure Yuval Abraham und Rachel Szor, hat den Sonderpreis der Jury bei den diesjährigen Internationalen Filmfestspielen von Venedig gewonnen und beispiellosen 25-minütigen Beifall erhalten. Der vom Guardian produzierte Film basiert auf Recherchen, die Abraham in den letzten drei Jahren für das Onlinemagazin +972 und die Nachrichtenseite Local Call durchgeführt hatte. NAZA ist ein Akronym, das die IDF für „Kollateralschäden“, bzw. für zivile Opfer benutzen, die die Folge ihrer Bombenangriffe und gezielten Tötungen sind.
Der Film enthält Interviews mit 24 ehemaligen Angehörigen des israelischen Militärs, darunter Datenanalysten, Drohnenpiloten und Scharfschützen, die die KI-Systeme und Protokolle erklären, mit denen Israel Zivilisten in Gaza ins Visier nimmt und tötet. Ein Interviewpartner berichtet von einer „zulässigen Fehlerquote“ von 15 Prozent für das KI-gestützte Zielerfassungssystem, wobei impliziert wird, dass auch eine noch höhere Quote akzeptabel sei. Ein anderer beschreibt ein System namens „Where's Daddy?“, das zuschlägt, wenn ein Mann nach Hause zurückkehrt, und dabei seine gesamte Familie sowie Nachbarn und Besucher töten kann. Laut den Interviewten konnten die Schwellenwerte je nach Bedeutung des Ziels variieren. So wurden bisweilen bis zu 500 zivile Todesopfer als Preis für die Ausschaltung eines Hamas-Führers bei einem einzigen Angriff in Kauf genommen.
Was die angebliche Verleumdung der IDF angeht, so hat der israelische Krieg bisher offiziell mehr als 73.000 palästinensische Todesopfer in Gaza gefordert, von denen 56 Prozent Frauen, Kinder und ältere Männer sind. Doch auch die restlichen 44 Prozent erwachsene Männer lassen sich nicht ohne Weiteres mit Kombattanten gleichsetzen. Laut einer gemeinsamen Untersuchung des Guardian, des +972 Magazine und Local Call beinhaltete eine Datenbank des israelischen Militärs im Mai 2025 8.900 namentlich bekannte Kämpfer der Hamas und des palästinensischen Islamischen Dschihad, die als bestätigt oder wahrscheinlich tot eingestuft wurden – dem standen zu diesem Zeitpunkt rund 53.000 registrierte palästinensische Todesopfer gegenüber. Das würde bedeuten, dass nur 17 Prozent der Toten in der Datenbank als Kombattanten erfasst waren. Dass im Film Angehörige des israelischen Militärs und Geheimdienstes die Zeugen sind, ist politisch besonders verheerend.
Der Film hat in Israel keinen Verleih gefunden. Der Guardian berichtete am Donnerstag, nach dem Kinostart in anderen Ländern werde NAZA im November auf der Website der Zeitung kostenlos gestreamt werden.
Netanjahu erklärte zu seinen beiden Gesetzentwürfen, wer das israelische Militär „diffamiert, der hat keinen Platz unter uns“.
Vor Netanjahus Ankündigung hatte „Kulturminister“ Miki Zohar NAZA bereits „verabscheuenswürdig“ genannt und gefordert, den israelischen Co-Regisseuren wegen „Landesverrats“ die Staatsbürgerschaft zu entziehen. Er beauftragte den Inlandsgeheimdienst Shin Bet, „zu ermitteln, wie das Material beschafft wurde, wer dahintersteckt und ob bei der Beschaffung oder Veröffentlichung etwas geschehen ist, was der Begünstigung des Feindes in Kriegszeiten gleichkommt“.
Der rechtsextreme Nationale Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir schrieb auf X über die Filmemacher: „Ihr seid eine Schande und eine Blamage für das ganze Volk Israels. Haut ab! Ich bin sicher, dass eure Freunde, d.h. unsere Feinde, die Hamas in Gaza, euch mit offenen Armen empfangen werden.“
Die offizielle Kampagne ging mit Drohungen rechtsextremer Gruppen einher, die zur Gewalt gegen die Regisseure und ihre Familien und die Zerstörung ihrer Häuser aufriefen und „Todesstrafe für Verräter“ skandierten. Im Internet erschien ein Wandbild mit den Gesichtern von Abraham und Szor mit der Aufschrift „Verräter“ und umgeben von Fadenkreuzen. Es löste Hunderte hasserfüllter Kommentare aus, in denen mehrfach zu ihrer Ermordung aufgerufen wurde. Am Mittwoch erklärten der Journalist Haggai Matar, Geschäftsführer von +972, und Sicha Mekomit von Local Call, rechte Aktivisten seien in ihre Büros eingebrochen und hätten die Tat gefilmt.
IDF-Generalstabschef Eyal Zamir behauptete, der Film basiere auf „Ritualmordlegenden, vorsätzlichen Tatsachenverdrehungen und schweren falschen Anschuldigungen gegen Soldaten und Kommandanten der IDF“. Der Vorwurf der „Ritualmordlegende“ – der mittelalterliche antisemitische Mythos, Juden würden nichtjüdische Kinder zu rituellen Zwecken ermorden – ist ein Versuch, die Täter zu Opfern zu machen.
Die Oppositionsführer äußerten sich genauso feindselig. Der ehemalige Ministerpräsident Naftali Bennett nannte den Film eine „schreckliche Ritualmordlegende gegen unsere Söhne und Töchter“, und der ehemalige Verteidigungsminister Avigdor Lieberman nannte die Regisseure „Israel-Hasser“. Gadi Eisenkot, ein ehemaliger Stabschef der IDF und Anführer der oppositionellen Partei Yashar, die derzeit in den Umfragen führt, verurteilte den Film ebenfalls.
Auch Präsident Isaac Herzog, der sich im Oktober 2023 geweigert hatte, einen Unterschied zwischen der Hamas und der Zivilbevölkerung Gazas zu machen, mit dem Argument, sie hätte sich „gegen die Hamas erheben“ können, intervenierte, um die IDF zu verteidigen. Er erklärte, er wisse „mit Sicherheit“, dass wichtige Kampfeinheiten einer genauen rechtlichen Kontrolle unterliegen. Tatsächlich beruft sich Israel auf einen rechtlichen Rahmen – Verhältnismäßigkeit, militärische Notwendigkeit und interne Prüfung der Zielsetzung –, der es den Kommandanten erlaubt, Operationen mit vorhersehbaren massiven zivilen Todesopfern anzuordnen, so lange der Angriff dem „übergeordneten Erfordernis dient, den Krieg zu gewinnen“.
Yair Golan, der Vorsitzende der Demokraten, einem Zusammenschluss aus der ehemaligen Arbeiterpartei und der „Frieden Jetzt“-Bewegung, deutete an, Netanjahu würde die Kontroverse um NAZA nutzen, um von seiner eigenen Verantwortung für das Versagen rund um den 7. Oktober abzulenken. Daraufhin nahm Netanjahu Golan in die Liste der Personen auf, gegen die sich sein Gesetz über Verleumdung von IDF-Soldaten richtet.
Mehr als 1.500 Vertreter der Filmbranche haben eine Petition zur Unterstützung der Regisseure unterzeichnet. Darin erklären sie, diese seien einer „Hetz- und Verleumdungskampagne“ ausgesetzt, die einer „faktischen Billigung von Gewalt“ gleichkomme. Der israelische Schauspieler und Drehbuchautor Shlomi Elkabetz erklärte gegenüber dem israelischen Sender N12 über die im Film behandelten Themen: „Dies sind Fragen, die untersucht und nicht totgeschwiegen werden müssen.“
Der israelische Staat geht seit Langem gegen Filme und Vorführungen vor, die das offizielle Narrativ der palästinensischen Geschichte oder des Verhaltens des israelischen Militärs hinterfragen. So wurde versucht, den Film Jenin, Jenin (2002) zu verbieten oder stellenweise zu zensieren, eine Vorführung von Lyd (2023) wurde verhindert, die Macher von 1948: Remember, Remember Not (2023) wurden unter Druck gesetzt, man versuchte, die Vorführung von No Other Land zu verhindern und gegen Vorführungen von From Ground Zero (2024) schritt die Polizei ein.
Heute versuchen Netanjahu und seine Minister, Kritik am Vorgehen des Militärs zu einer Frage der Loyalität gegenüber dem Staat selbst umzudeuten. Der geplante Einsatz des Staatsbürgerschaftsrechts gegen die Filmemacher ist besonders bedeutsam. Die Staatsbürgerschaft ist normalerweise ein Rechtsstatus, mit konkreten demokratischen Rechten verbunden, aber keine Belohnung für politische Loyalität. Mit dem Entzug der Staatsbürgerschaft zu drohen, weil Bürger mutmaßliche Verbrechen ihrer eigenen Regierung aufdecken, läuft darauf hinaus, die Staatsbürgerschaft an die Loyalität gegenüber dem Staat und dessen Militär zu knüpfen.
Die Drohung geht über den konkreten Fall von Abraham und Szor hinaus. Wenn die Enthüllung des Verhaltens der Streitkräfte des Staats als Verrat eingestuft werden kann, und denjenigen, die dies tun, der Verlust der Staatsbürgerschaft droht, dann bedroht die Regierung auch andere Bürger damit, abweichende Meinungen zu bestrafen.
Die hysterische Reaktion der Regierung zeugt davon, wie sehr sie durch die Enthüllungen aus dem Militär selbst erschüttert ist, und wie sehr es sie stört, dass der Film internationale Beachtung und überwältigende Anerkennung findet. Abraham und Szor erklärten im +972 Magazine: „Die Aussagen der Soldaten deuten obendrein auf ein viel größeres System hin, für das die obersten Ebenen der politischen und militärischen Führung Israels letztendlich die Verantwortung tragen. Wir hoffen, dass dieser Film dazu beiträgt, dass Israel für die schweren Verbrechen zur Rechenschaft gezogen wird und die Opfer Gerechtigkeit erhalten.“
NAZA feiert aktuell in Nordamerika beim New York Film Festival Premiere. Am 1. Oktober läuft der Film in den deutschen Kinos an. Daneben kommt er in mehr als 50 weiteren Ländern und Regionen in die Kinos, u.a. in Großbritannien, Australien, Neuseeland, Japan, Kanada, Hongkong, Brasilien, der Türkei, Thailand, Frankreich, Spanien, Mittelamerika und im Nahen Osten.
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