Vierter bundesweiter Schulstreik: 45.000 Menschen protestieren gegen die Wehrpflicht

Schulstreik gegen die Wehrpflicht in Frankfurt a.M., 25. September 2026

Am Freitag, den 25. September, sind erneut Zehntausende Schülerinnen und Schüler in ganz Deutschland gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht auf die Straße gegangen. Nach Angaben des Bündnisses „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ beteiligten sich über 45.000 Menschen in rund 100 Städten. Allein in Berlin demonstrierten 3.400 Schüler, in Hamburg 1.900, in München 700, in Kiel 600, auch in Dresden, Leipzig, Frankfurt und Nürnberg waren es einige Hundert.

Es war der vierte bundesweite Schulstreik binnen zehn Monaten. Die Streiks zeigen die anhaltende Opposition unter Jugendlichen gegen die Rückkehr der Wehrpflicht und die damit verbundene Kriegspolitik. Parallel hat die Bundesregierung mit der verpflichtenden Musterung junger Männer begonnen und die Aufrüstung und Kriegspropaganda gegen Russland sowie die Sozialangriffe dramatisch verschärft.

Die verbreitete Wut auf die Merz-Regierung entlud sich zuletzt bei den Landtagswahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern, in denen CDU und SPD massiv verloren. Am Tag nach dem Schulstreik riefen die DGB-Gewerkschaften bundesweit zu Demonstrationen auf, um die brodelnde Stimmung unter Kontrolle zu halten.

Die International Youth and Students for Social Equality (IYSSE) beteiligten sich an den Schulstreiks in Berlin, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Hessen und Bayern und verteilten hundertfach das Flugblatt „Stoppt die Wehrpflicht und den Ukrainekrieg! Freiheit für Bogdan Syrotjuk!“. Mit Schülern diskutierten sie darüber, warum die Einführung der Wehrpflicht und der eskalierende Weltkrieg nur durch eine internationale Bewegung der Arbeiterklasse gestoppt werden kann, die für den Sturz des Kapitalismus kämpft.

In der bayerischen Stadt Landshut sprach Sophia, Studentin und IYSSE-Mitglied, zu den protestierenden Schülern:

Wie wichtig dieser Kampf ist, hat sich vor allem in den letzten Wochen gezeigt: Deutschland eskaliert immer mehr den Krieg gegen Russland und de facto befinden wir uns schon in einem Krieg mit Russland – mit Waffen, die auch von Deutschland bezahlt sind. Die Wehrpflicht ist nicht einfach vom Himmel gefallen. Sie soll wieder eingeführt werden, um Kanonenfutter für eben diesen Krieg zu generieren.

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Im Ukrainekrieg gehe es nicht um „Verteidigung“ oder „Demokratie“, sondern um wirtschaftliche Interessen wie Rohstoffe und Absatzmärkte, so Sophia. Arbeiter und Schüler müssten sich international gegen den Krieg vereinen.

„Dafür hat auch unser ukrainischer Genosse Bogdan Syrotjuk gekämpft. Er ist ein junger Sozialist, 27 Jahre alt. Er hat gesagt, Arbeiter auf beiden Seiten – russische und ukrainische – müssen sich vereinigt gegen den Krieg stellen.“ Für diese Haltung und sechs Artikel, die er für die World Socialist Web Site verfasst hat, sei er in der Ukraine zu 15 Jahren Haft verurteilt worden. „Bogdan Syrotjuk ist ein Beispiel dafür, wie die Opposition gegen Krieg und Faschismus zunehmend unterdrückt wird und wie verschleiert wird, dass dieser Krieg eben nicht für Demokratie geführt wird.“

Sophia rief abschließend dazu auf, den Kampf gegen Krieg unabhängig von allen bürgerlichen Parteien zu führen. Dafür brauche die Arbeiterklasse ein revolutionäres Programm, wie es die Sozialistische Gleichheitspartei und ihre Jugendorganisation IYSSE vertreten.

„Bogdans Ansatz ist inspirierend“

In der Ruhrgebietsstadt Essen, wo etwa 200 Schüler demonstrierten, diskutierten IYSSE-Mitglieder mit Malina und Mascha, die in einem Arbeiterviertel zum Gymnasium gehen. Angesprochen auf die Aufrüstung und Eskalation im Ukrainekrieg sagte Mascha: „Das macht mir Angst. Krieg ist meiner Meinung nach etwas, wo die Mächte oder die Regierungschefs von zwei Ländern gegeneinander kämpfen und das aufs Volk abwälzen, so dass das Volk gegeneinander kämpft, obwohl sie im echten Leben niemals was gegeneinander hätten.“ Die Bevölkerung solle „für die Interessen von wenigen Eliten sterben“ – das lehne sie ab.

Schüler demonstrieren in Essen zum Hauptbahnhof, 25. September 2026

Die Rechtfertigung, man verteidige damit Demokratie und Freiheit, weist sie zurück: „Also mit Krieg Freiheit verteidigen, das ist für mich ein absoluter Widerspruch. Krieg sorgt nicht für Frieden. Das haben wir in der Geschichte schon so oft gesehen. Das sieht man ja auch jetzt. Die Zivilisten leiden am allermeisten.“

Malina verweist auf die soziale Lage in Deutschland: Der Fokus müsse auf ganz andere Dinge gelegt werden, denn die Menschen würden „sozial immer weiter geschwächt“, damit man sie „für die eigenen Kriege instrumentalisieren kann, um noch mehr Profit zu machen“. Sie kritisiert scharf die Politiker, die sagen „ihr müsst an die Front, ihr müsst euer Vaterland verteidigen, während sie von irgendwelchen Lobbys Millionen kriegen.“

Mit Blick auf den Völkermord in Gaza erinnerte Mascha daran, dass der ganze Nahe Osten schon früher „mit dem Vorwand der Terrorbekämpfung angegriffen wurde und am Ende haben sie sich die Taschen mit irgendwelchen Rohstoffen vollgestopft“. Die Auswirkungen seien bis heute zu spüren.

Als IYSSE-Mitglieder auf das Urteil von 15 Jahren Gefängnis für den jungen Kriegsgegner Bogdan Syrotjuk in der Ukraine eingingen, reagierte Malina empört: „Das ist Pressezensur, das ist definitiv keine Demokratie. Die größte Freiheit, die der Mensch haben kann, ist seine eigene Meinung weitergeben zu können.“ Bogdans Ansatz, die Arbeiter beider Seiten gegen den Krieg zu vereinen, sei „so inspirierend – auch für uns hier in Deutschland“, sagte sie. Sie erinnerte sich an den Weihnachtsfrieden im Ersten Weltkrieg, über den sie in der Schule gehört hat. Im ersten Kriegswinter 1914 hatten sich britische, deutsche und französische Soldaten an der Westfront spontan verbrüdert, gemeinsam Weihnachten gefeiert und Fußball gespielt.

Für Malina drängte sich dabei die Frage auf, warum die Soldaten danach wieder weitergekämpft haben. Wie hätten die Generäle und Regierungen den Krieg fortsetzen können, wenn die Soldaten sich geweigert hätten zu kämpfen?

Genau das sei drei Jahre später geschehen, antworteten die IYSSE-Mitglieder: in der Russischen Revolution 1917 und der deutschen Novemberrevolution 1918. Doch spontane Meutereien allein hätten den Krieg nicht beendet. In Russland hätten die Arbeiter und Soldaten erst mit den Bolschewiki eine Führung gehabt, die die Macht übernahm und das Land aus dem Krieg herausführte. An diese Tradition knüpfen heute die IYSSE und die von Bogdans aufgebaute „Junge Garde der Bolschewiki-Leninisten“ an.

Malina findet es vor allem wichtig, dass Bogdan die arbeitende Bevölkerung zum Handeln aufruft. Die Bevölkerung müsse einsehen, „dass man selbst in der Macht steht, sein eigenes Land zu regieren“, und den Politikern Konsequenzen geben – durch Streik, nicht nur der Schüler, sondern auch der arbeitenden Erwachsenen.

Repression der Polizei und des Verfassungsschutzes

Die herrschende Klasse ist aufgeschreckt über diese Opposition und reagiert mit Einschüchterung und Unterdrückung. In Berlin war ein massives Aufgebot von 200 Polizisten im Einsatz gegen friedliche Jugendliche, die unter dem Motto „Krieg und Krise frisst dein Leben“ durch das Arbeiterviertel Wedding demonstrierten, vorbei an der neuen Rheinmetall-Munitionsfabrik am Gesundbrunnen.

Berliner Polizisten prüfen genauestens Flugblätter und Plakate beim Protest gegen die Wehrpflicht, 25. September 2026

Die Polizei nahm 16 Menschen vorübergehend fest und erstattete elf Strafanzeigen – unter anderem wegen „Beleidigung“, „Sachbeschädigung“ und des „Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger und terroristischer Organisationen“. Zwei Demonstranten, die 17 und 19 Jahre alt sind, wurden wegen „übler Nachrede“ gegen Bundeskanzler Friedrich Merz vorübergehend festgenommen, wie die Tagesschau berichtet.

Die Festgenommenen wurden nach Abschluss der polizeilichen Maßnahmen wieder freigelassen, doch die politische Botschaft ist unmissverständlich: Wer als junger Mensch gegen Krieg und Wehrpflicht auf die Straße geht, muss mit polizeilicher Repression rechnen.

Das ist kein Einzelfall, sondern Teil einer systematischen Kriminalisierung von Kriegsgegnern. Schon vor dem letzten Streik hatten einige Medien die Bewegung als von „Linksextremisten“ unterwandert diffamiert und den Verfassungsschutz als Kronzeugen aufgerufen. Der aktuelle Verfassungsschutzbericht 2025 warnt in einem neuen Kapitel zum Ukrainekrieg explizit vor „einem verstärkten Zulauf zu antimilitaristischen Protesten“.

Anfang September hat der NRW-Verfassungsschutz sogar ein eigenes antikommunistisches Hetzvideo auf seinem neuen Instagram-Kanal gepostet. „Die Welt gerät aus den Fugen und es ist dein gutes Recht gegen Krieg, Aufrüstung oder die Wehrpflicht auf die Straße zu gehen. Aber sieh genau hin, mit wem du protestierst“, droht der Verfassungsschutz darin und warnt vor Marxisten, Kommunisten und Anarchisten.

Immer wieder ging die Polizei in den letzten Jahren mit brutaler Gewalt gegen Kriegsgegner und Gaza-Demonstranten vor. Erst im Juli versuchte sie, Proteste gegen Rheinmetall gewaltsam zu unterbinden. Jetzt behandelt der Staat auch Schüler, die nicht als Kanonenfutter sterben wollen, als feindliche Bedrohung.

Diese repressiven Methoden sind die logische Konsequenz der Kriegspolitik und zugleich Ausdruck der tiefen Krise der Bundesregierung. Sie treibt die größte Aufrüstung seit dem Zweiten Weltkrieg voran, hat dafür aber keinen Rückhalt in der Bevölkerung. Im Gegenteil: Die Antikriegsstimmung in der Arbeiterklasse ist tief verwurzelt, auch wenn sie bisher noch keinen massenhaften organisierten Ausdruck findet. Eine Regierung, die selbst harmlose Kritik von Jugendlichen nicht ertragen kann, ist offensichtlich in Panik. Sie befürchtet, dass ein begrenzter Schülerstreik zum Funken für eine Massenbewegung der arbeitenden Bevölkerung gegen Krieg werden kann.

Die bankrotte Perspektive der SDAJ

Doch genau diese Ausweitung der Streiks auf die Arbeiterklasse versuchen die Organisatoren der Bewegung zu blockieren. Obwohl der Widerstand der Jugendlichen gegen die Wehrpflicht nicht nachlässt, sind die Teilnehmerzahlen zurückgegangen. Beim ersten Schulstreik im Dezember 2025 waren es noch 55.000.

Die Ursache liegt in der politischen Strategie der Organisatoren um die SDAJ, die stalinistische Jugendorganisation der DKP. Sie besteht darauf, den Kampf gegen die Wehrpflicht von den Kriegen zu trennen, für die sie eingeführt wird. Auf einer bundesweiten Konferenz gegen die Wehrpflicht im Februar hatte die SDAJ abgelehnt, gegen die gegenwärtigen Kriege klar Stellung zu beziehen. Die Forderung nach Sozialismus wies sie mit der Begründung zurück, sie sei nicht „massentauglich“.

Eine Bewegung aber, die keine Antwort auf den Ukrainekrieg gibt, keine auf den Gaza-Genozid, keine auf den Krieg gegen den Iran – und die sich weigert, das kapitalistische System als Kriegsursache zu benennen –, kann nicht wachsen. Sie richtet Appelle und Bitten an eine Regierung, die die Wehrpflicht will und braucht. So wird eine ganze Generation auf dieselben Institutionen orientiert, aus denen der Krieg hervorgeht.

Die Organisatoren unterstützen auch die Gewerkschaftsapparate, die Partner der Regierung sind und die Schlüsselrolle dabei spielen, ernsthafte Streiks gegen Krieg, Sozialkürzungen und das Jobmassaker in den Betrieben zu verhindern. In Berlin schürt die Linksjugend [’solid] die trügerische Illusion, man könne im Kampf gegen Militarismus Druck auf die Linkspartei ausüben, obwohl diese im Bundesrat für die Aufrüstung gestimmt hat und sich gerade anschickt, in Berlin einen Senat mit SPD und Grünen zu bilden.

Aber wie soll ein erfolgreicher Kampf gegen die Kriegspolitik geführt werden, wenn er nicht gegen die Parteien und Gewerkschaftsführungen orientiert ist, die diese Kriege ermöglichen?

Die Bewegung gegen die Wehrpflicht und die Kriegseskalation kann nur dann einen Schritt voran gehen, wenn sie unabhängig von allen bürgerlichen Parteien und pseudolinken Organisationen wie die SDAJ ist und sich auf die internationale Arbeiterklasse – die revolutionäre Kraft in der Gesellschaft – stützt. Dafür kämpfen die IYSSE.

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