Der Vorstand des VW-Konzerns unter Oliver Blume ist fest entschlossen, 100.000 Arbeitsplätze abzubauen – doppelt so viele, wie bisher geplant –, die VW-Werke in Hannover, Zwickau und Emden sowie das Audi-Werk in Neckarsulm mit insgesamt 40.000 Beschäftigten stillzulegen und den Konzern in seiner bisherigen Form zu zerschlagen. Das berichtete das Manager Magazin am Freitag unter Berufung auf einen „Insider“.
Danach beschlossen Mitglieder des Topmanagements den Plan am 24. Juni auf einer Vorstandssitzung. Er soll am 9. Juli dem Aufsichtsrat vorgestellt werden, der zur Hälfte mit Gewerkschafts- und Betriebsratsvertretern besetzt ist. Laut den Informationen des Manager Magazins ließt Blume das Konzept von allen Teilnehmern der Vorstandssitzung unterschreiben, damit keiner ausschert, wenn es öffentlich bekannt wird.
Blume hat allen Grund, vorsichtig zu sein. Sein Plan ist eine Kampfansage nicht nur an die VW-Beschäftigten, sondern an alle Autoarbeiter in Deutschland und international. Mercedes, Stellantis (Opel), Ford und andere Autokonzerne verfolgen ähnliche Pläne. Setzen sie sich durch, ist nicht nur die Existenz der betroffenen Arbeiter und ihrer Familien gefährdet, sondern auch die von Hunderttausenden weiteren, die direkt oder indirekt von der Autoindustrie abhängig sind.
Einen vergleichbaren Kahlschlag hat es seit der Großen Depression der 1930er Jahre nicht mehr gegeben, die direkt in die Nazi-Diktatur und den Zweiten Weltkrieg mündete. Er darf um keinen Preis zugelassen werden.
Denn auch heute sind die Zerstörung von Arbeitsplätzen und die Entwicklung von Krieg und Diktatur zwei Seiten ein und derselben Medaille, die sich aus der ausweglosen Krise des kapitalistischen Systems ergeben. Blumes Konzept wurde nach den Informationen des Manger Magazins von der Beratungsfirma Boston Consulting Group entwickelt, die – unter Mitwirkung des Tony Blair Institute – auch die Pläne für eine „Trump Riviera“ und eine „Elon Musk Smart Manufacturing Zone“ im Gazastreifen ausgearbeitet hat. Sie sehen unter anderem die „freiwillige“ Umsiedlung von 500.000 Palästinensern nach Somalia, Ägypten, Jordanien und anderen Ländern vor.
Auch der Porsche-Piëch-Clan, der mit 53 Prozent der Stimmrechte beim Volkswagenkonzern die Richtung bestimmt, soll massiven Druck ausgeübt haben. Er fürchtet um sein Milliardenvermögen und handelt nach dem Motto: Maximaler Profit um jeden Preis.
Von Rechtsvorstand Manfred Döss, der eng mit den Porsches und Piëchs verbunden ist, soll die Idee stammen, den Konzern in seiner bisherigen Form aufzulösen und die Marke VW auszugliedern. Lukrative Teile könnten dann nach dem Heuschreckenprinzip der Hedgefonds an die Börse gebracht und versilbert, der Rest verramscht und verschrottet werden. Auch das VW-Gesetz, das dem Land Niedersachen mit einem Anteil von 20 Prozent eine Sperrminorität gibt, wäre damit passé.
Dieser Auflösungsprozess hat bereits begonnen. Am Mittwoch gab der Volkswagen-Konzern bekannt, 51 Prozent seiner Schwermotoren-Tochter Everllence an den US-Investor Bain Capital verkauft zu haben. Everllence, ursprünglich Teil von MAN, galt als Juwel des Volkswagenkonzerns, da die Großmotoren und Turbinen, die es herstellt kaum von Konjunkturschwankungen betroffen sind. Der Deal brachte VW rund 7,4 Milliarden Euro ein.
Von der IG Metall und ihren Betriebsräten ist kein Widerstand gegen den Kahlschlag zu erwarten. Sie stecken mit den Großaktionären und der Bundesregierung unter einer Decke, wenn es darum geht, die Profite der Konzerne zu verteidigen.
Die IG Metall-Vorsitzende Christiane Benner, die Gesamtbetriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo und der IG-Metall-Bezirksleiter Thorsten Gröger reagierten auf die Enthüllung des Manager Magazins mit einem wortkargen, sechszeiligen Statement.
„Angriffe auf das VW-Gesetz, die Mitbestimmung und unsere Standorte sind unverantwortliche Drohungen,“ heißt es darin. Man achte auf die Reihenfolge: An erster Stelle stehen VW-Gesetz und Mitbestimmung, die den Gewerkschaftsfunktionären und Betriebsräten lukrative Posten sichern, dann erst kommen die Standorte. Die Arbeitsplätze werden gar nicht erwähnt.
Schließlich fordert das Statement den Vorstand auf, „endlich seinen Job zu machen und sich auf seine eigentliche Arbeit zu konzentrieren: wettbewerbsfähige Produkte, Technologien, Konzernstrukturen und -synergien und damit auch sichere Beschäftigung.“
Widerstand sieht anders aus. Tatsache ist, dass IGM und Betriebsrat von den Plänen des Vorstands nicht überrascht wurden und seit Jahren mit ihm zusammenarbeiten, um auf Kosten der Belegschaft „wettbewerbsfähige Produkte“ und „Synergien“ zu erzeugen – sprich: die Profite zu steigern.
Im Dezember 2024 stimmten IGM und Betriebsrat dem Abbau von 35.000 Arbeitsplätzen und Lohnsenkungen von 20 Prozent bei der Kernmarke VW zu. Sie rechtfertigten dies damit, dass der Konzern als Gegenleistung Werksschließungen ausgeschlossen habe. Die Zahl wurde später auf 50.000 für den Gesamtkonzern erhöht. Dabei war abzusehen, dass – wie früher bei Opel Bochum und bei Ford Saarlouis – jedem Zugeständnis der nächste Angriff folgen würde, bis der letzte Arbeiter das Werk verlassen hat. Das Aktionskomitee VW hatte immer wieder davor gewarnt.
Nun ist genau das eingetreten. Laut Blumes Angaben haben bereits 28.000 Beschäftigte „freiwillige“ Austritte vereinbart. Welchen Druck dabei Konzern und Betriebsrat auf sie ausübten, mussten viele Arbeiter am eigenen Leib schmerzlich erfahren.
Ermutigt durch die Zugeständnisse der IGM bläst der Vorstand nun zum nächsten Angriff – und kann sich auch diesmal wieder auf die Unterstützung von Gewerkschaft und Betriebsrat verlassen.
Bereits Ende April hatte Blume dem Aufsichtsrat – in dem auch Benner, Cavallo sowie acht weitere Vertreter von IGM und Betriebsrat sitzen – sein „Zukunftskonzept“ vorgestellt. Es nimmt große Teile der nun bekannt gewordenen Vorstandspläne vorweg. So deutete es die Stilllegung der Werke in Hannover, Zwickau, Emden und Neckarsulm bereits an. Auch die Komponentenwerke in Braunschweig, Salzgitter und Baunatal standen bereits im Visier.
Mitte Juni berichtete dann das Manager Magazin, wie das 180-seitige „Transformationspapier“, das Blume dem Aufsichtsrat präsentiert hatte, zustande gekommen war. IGM und Betriebsrat waren von Anfang an in die Strategiepläne, den Konzern weitgehend zu schleifen, eingeweiht und arbeiteten hinter den Kulissen daran mit.
Die Boston Consulting Group hatte im Rahmen anonymer „Belief Audits“ die Konzernvorstände sowie Mitglieder des Aufsichtsrats – einschließlich der Vertreter von IGM und Betriebsrat – gebeten, den Zustand des Unternehmens ehrlich zu bewerten und radikale Strategiemaßnahmen zu formulieren. Dabei schätzten sechs von neun befragten Vorstandsmitgliedern den Volkswagen-Konzern als „existenzgefährdet“ ein. Die übrigen drei stuften die Lage als „angespannt“ ein.
Daraus zog der Vorstand den Schluss, den Konzern grundlegend neu auszurichten. Das bislang tragende Prinzip, Autos in Deutschland zu entwickeln, in Europa zu bauen und weltweit zu verkaufen, funktioniere nicht mehr, so die Einschätzung führender Konzernvertreter, berichtete das Manager Magazin. IGM und Betriebsrat wussten also, was auf sie zukam. Und sie konnten es spätestens seit der Aufsichtsratssitzung Ende April schriftlich nachlesen.
Am 18. Juni verkündete Blume dann auf der virtuellen VW-Hauptversammlung den Aktionärsvertretern mit Genugtuung, dass VW beim geplanten Abbau von konzernweit 50.000 Stellen bis 2030 im Plan liege. Allein bei der Kernmarke (VW) würden bis Ende dieses Jahres rund 19.000 Stellen wegfallen.
Blume berichtete außerdem, dass die Fabrikkosten an deutschen VW-Standorten bereits 2025 um mehr als 20 Prozent gesunken seien. Der Konzern rechne bis 2030 mit jährlichen Netto-Einsparungen von mehr als sechs Milliarden Euro. Durch den Ende 2024 vereinbarten Lohn- und Personalabbau seien bereits Effekte erzielt worden.
Blume, der jährlich 7,4 Millionen Euro kassiert, musste zwar vorübergehend auch selber auf einige Boni verzichten und verlor seinen Spitzenplatz im DAX-Gehaltsranking, arbeitet jedoch zielstrebig daran, wieder ganz nach oben zu kommen. Er versprach den Aktionärsvertretern wesentlich höhere Renditen. Sein „Zukunftsplan“ werde dem Konzern trotz „Nullwachstum der Märkte“ bis 2030 eine operative Umsatzrendite von 8 bis 10 Prozent ermöglichen und den Netto-Cashflow im Auto-Bereich deutlich erhöhen.
Eine Woche später beschloss der Vorstand dann den Kahlschlagplan, den das Manager Magazin jetzt publik gemacht hat. Für die IGM und den Betriebsrat ist das peinlich. Doch ihre Beteuerung, Standortschließungen „mit aller Macht zu verhindern“, erinnert an den ertappten Einbrecher, der „Haltet den Dieb ruft“, um von sich abzulenken.
Sie werden vielleicht zu einigen Protesten aufrufen, um Dampf abzulassen – und sich anschließend wieder mit dem Vorstand und den Aktionären an einen Tisch setzen, um die nächste Abbaurunde zu vereinbaren. Deshalb ist es höchste Zeit, selbst aktiv zu werden:
Baut das VW-Aktionskomitee auf
Um den Widerstand gegen die Kürzungspläne zu entwickeln, müssen sich die Beschäftigten völlig unabhängig von der IG Metall und ihren Betriebsräten im VW-Aktionskomitee organisieren. Es verfolgt das Ziel, alle kampfbereiten Beschäftigten – Arbeiter, Angestellte, Stamm- und Leihbeschäftigte – zu vereinen. Gewerkschaftsfunktionäre haben darin keinen Platz.
Das Aktionskomitee ist demokratisch organisiert, d h. die Mitglieder haben das Sagen. Es strebt keine gutdotierten Pöstchen in den Mitbestimmungremien an, die zur Geheimhaltung und zum Betriebsfrieden verpflichtet sind und den Bürokraten zur eigenen Bereicherung dienen. Dennoch wird das Aktionskomitee alle Möglichkeiten – einschließlich der Betriebsratswahlen – nutzen, um für seine Ziele einzutreten.
Das Aktionskomitee verteidigt prinzipiell alle Arbeitsplätze an allen Standorten. Es lehnt Zugeständnisse bei Löhnen, Renten Arbeitsbedingungen grundsätzlich ab. Nicht die Kassenlage des Konzerns, sondern der Kampf entscheidet über den Erhalt der Löhne und Arbeitsplätze.
Zu den wichtigsten Aufgaben des Aktionskomitees gehört die Verbindung mit anderen Standorten im In- und Ausland. Es lässt nicht zu, dass die verschiedenen Standorte und Marken des Konzerns gegeneinander ausgespielt werden und die Gewerkschaften einen Keil zwischen die Belegschaften in Deutschland, China, Mexiko, den USA, Tschechien oder Spanien treiben.
Das VW-Aktionskomitee ist Mitglied der Internationalen Arbeiterallianz der Aktionskomitees (IWA-RFC), die den wachsenden Widerstand in den Betrieben branchenübergreifend und weltweit koordiniert.
Wir empfehlen den Beschäftigten von VW, die Kampagne des IWA-RFC-Mitglieds Will Lehman zu verfolgen, der vor kurzem als Kandidat für die Präsidentschaft der amerikanischen Autoarbeitergewerkschaft UAW nominiert wurde. Lehman arbeitet bei der Volvo-Tochter Mack Trucks in Pennsylvania. Sein Ziel ist nicht, den derzeitigen UAW-Apparat durch einen anderen zu ersetzen, sondern den Apparat abzuschaffen und die Kontrolle an die Mitglieder zu übergeben. Seine Kampagne stößt unter US-Autoarbeitern auf große Resonanz.
Nehmt noch heute mit uns Kontakt auf. Füllt das Formular aus oder schreibt eine Nachricht über WhatsApp an die +491633378340.
