Unbefristeter Streik bei Kelvion in Thüringen: Kämpft um jeden Arbeitsplatz!

Seit Anfang August befinden sich die rund 280 Arbeiter von Kelvion PHE in Thüringen im unbefristeten Streik. Um den Abtransport der Maschinen durch den Eigentümer, den US Finanzinvestor Apollo Global, zu verhindern, bewachen sie die Tore des Werks für Wärmetauscher in Nobitz-Wilchwitz rund um die Uhr.

Streikende der Kelvion PHE in Wilchwitz [Photo by IG Metall Mitte / youtube]

Apollo Global Capital will den Standort Wilchwitz ganz schließen und die Produktion in den Hauptsitz von Kelvion PHE in Sarstedt (Niedersachsen) verlagern, wo ein „europäisches Kompetenzzentrum“ entstehen soll. Dagegen haben in Wilchwitz am 3. August 100 Prozent der IG Metall-Mitglieder – das sind 90 Prozent der Belegschaft – in einer Urabstimmung für einen unbefristeten Arbeitskampf gestimmt.

Die Produktion im Bereich der Thermodynamik blickt in Wilchwitz auf eine 35-jährige Geschichte zurück – erst unter den Namen Wilchwitzer Thermo-Technik (WTT) und GEA, dann Triton, zuletzt Kelvion. Die Arbeiter stellen Wärmtauscher für Wärmepumpen, Klimaanlagen, Windräder und die Kühlung von Rechenzentren her – Produkte, die in Zeiten der Klimakrise nützlicher und notwendiger sind denn je. Die Auftragsbücher sind voll; von wirtschaftlicher Notwendigkeit einer Schließung kann keine Rede sein. Für den Finanzinvestor geht es einzig und allein um die Profitsteigerung.

Die Ankündigung der Werksschließung zum Jahresende hat die älteren Streikenden spontan an die Nachwendezeit erinnert: Damals führte die Wiedereinführung kapitalistischer Verhältnisse beim Untergang der DDR in kürzester Zeit zur Schließung tausender Betriebe, durchgeführt von der Treuhandanstalt und abgesegnet und aktiv begleitet von den DGB-Gewerkschaften aus dem Westen. Hunderttausende verloren ihre Arbeit, ihr Einkommen und ihre gesamte soziale Sicherheit.

Es sei „wie ein Déjà-vu“, berichtete kürzlich eine Arbeiterin in den sozialen Medien: „Was hier passiert, ist ein großes Verbrechen. Wir haben es nach der Wende schon einmal erlebt: Da haben sie alles zugemacht, wir sind alle arbeitslos geworden. Und jetzt soll sowas wieder passieren!“ Es dürfe nicht noch einmal zugelassen werden.

Allerdings ist die IG Metall, die den Arbeitskampf bei Kelvion in Wilchwitz führt, gar nicht bereit, um die Arbeitsplätze zu kämpfen. Die offizielle Forderung, die sie an Apollo Global richtet, lautet Sozialtarifvertrag. Sie hat die Schließung akzeptiert. „Ein Werk dichtzumachen ist schon teuer“, schreibt Tom Knedlhanz, Verhandlungsführer der IG Metall Gera. „Sich vor der Verantwortung drücken zu wollen, macht es noch teurer“.

Für den Montag, 24. August, wurden neue Verhandlungen angekündigt, die jedoch hinter verschlossenen Türen stattfanden, und über die bisher nichts herauskam. Der Jungen Welt erklärte Knedlhanz kurz zuvor, der IG Metall „geht es nicht um ein starres Beharren auf Maximalforderungen“.

Auf der IG Metall-Seite schreibt er: „Dass der Konzern an den Verhandlungstisch zurückkehren will und erstmals echte Entscheider schickt, sehen wir als sehr positiv an.“ Auch habe sich ein branchenerfahrener Investor angekündigt. „Wenn ein Teil der Arbeitsplätze erhalten werden kann, bleibt trotzdem die Forderung nach einem Sozialtarifvertrag für alle, die dennoch ihren Job verlieren. Wenn das die gemeinsame Basis wird, kommen wir auch zu einer für alle Seiten konstruktiven Lösung.“

Mit anderen Worten: Die IG Metall ist aktiv dabei, den Arbeitskampf zu ersticken, die Werksschließung bis auf einen erbärmlichen Rumpf zu besiegeln und zahlreiche Arbeitsplätze über einen Sozialtarifvertrag zu liquidieren.

Wer sind die „echten Entscheider“, von denen sich die IGM-Gewerkschafter so beeindruckt zeigen?

Apollo Global Management, der Eigentümer seit wenigen Monaten, ist eine klassische Heuschrecke: Als einer der größten Private-Equity-Fonds der Welt managt das Unternehmen eine Billion US-Dollar an Vermögenswerten. Seine Führungskräfte, allesamt Multimilliardäre, interessieren sich nicht für das Leben einfacher Arbeiter, weder in Thüringen noch in den Vereinigten Staaten, sondern allein dafür, aus Kauf und Verkauf von Industrieanlagen maximalen Profit herauszuschlagen. Der frühere CEO, der Multimilliardär Leon Black, musste zurücktreten, da er tief in den Sumpf des Jeffrey-Epstein-Skandals involviert war. Sein Nachfolger, der heutige CEO Marc Rowan, ist Mitglied des berüchtigten „Board of Peace“ von Donald Trump, das im Gazastreifen auf den Gräbern der Palästinenser ein Investorenparadies errichten soll.

Weltweit verlagert Apollo das ihm anvertraute Kapital unter Rowans Führung immer stärker auf Bereiche der Rüstungsindustrie oder der Künstlichen Intelligenz – Branchen, die weit höhere Renditen versprechen als die Herstellung von Wärmetauschern. Apollo unterhält Beteiligungen an mehreren Konzernen des Militärkomplexes und hat im letzten Jahr für 3,8 Mrd. Dollar die Barnes-Group aufgekauft, welche hochspezialisierte Luftfahrtkomponenten für das Militär herstellt. In Deutschland will Apollo rund 100 Mrd. Dollar hauptsächlich in KI-, Infrastruktur- und Rüstungsprojekte investieren.

Um diese Investitionen ging es, als sich Rowan am 13. Oktober 2025, kurz vor der Kelvion-Übernahme, in New York mit Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche traf und sie in ein Luxusrestaurant an der Fifth Avenue einlud, wie die Website Abgeordnetenwatch aufdeckte. Ministerin Reiche ist Lebenspartnerin des früheren CDU-Verteidigungs- und Wirtschaftsministers Karl-Theodor zu Guttenberg, der aufgrund einer Plagiatsaffäre zurücktreten musste und sich seither in den USA eine Karriere als Lobbyist in der Privatwirtschaft aufgebaut hat. Zuvor hatten sich Apollo-Geschäftsführer schon mit Jörg Kukies, dem SPD-Finanzminister unter Kanzler Scholz, sowie mit Volker Wissing und Christian Lindner (FDP) getroffen.

Der IG Metall sind all diese Hintergründe spätestens seit letztem Dezember bekannt, als Apollo Kelvion übernahm. Die Gewerkschaft ist an jeder Übernahme als Arbeitnehmervertretung beteiligt. Schon der frühere Eigentümer Triton, der Kelvion 2014 übernahm und nach elf Jahren weiterverkaufte, war ein deutsch-schwedischer Finanzinvestor, der sich ebenfalls zunehmend im Waffengeschäft engagiert. So hatte Triton 2020 den namhaften Panzerzulieferer Renk von VW übernommen und ihn 2025 zum siebenfachen Preis an der Börse weiterverkauft.

Jeden neuen Verkauf stellt die IG Metall als „Erfolg“ für den Standorterhalt hin, obwohl jedes Mal Arbeitsplätze vernichtet werden. Bei der Übernahme durch Triton im Jahr 2014 zählte der von GEA Heath Exchanger gekaufte Konzern insgesamt noch 7.300 Arbeitsplätze. Heute sind es noch rund 4.000 Arbeitsplätze, ein Verlust von 45 Prozent oder 3.300 Arbeitsplätzen.

In Wilchwitz gibt es heute bei Kelvion noch 242 Beschäftigte mit unbefristeten Arbeitsplätzen, dazu 30 Leiharbeiter und sechs Azubis. Wie viele Arbeitsplätze werden wohl hier zum Jahresende übrigbleiben, wenn man den Kampf der IG Metall überlässt?

Der mutige Streik der Arbeiter von Wilchwitz zeigt vor allem eins: Wenn sich die Geschichte nicht wiederholen soll, dann muss der Kampf der IG Metall aus der Hand genommen werden. Denn sie verhandelt nicht um den Erhalt der Arbeitsplätze, sondern um die Bedingungen für ihre Vernichtung.

Die Sozialistische Gleichheitspartei (SGP) und die Internationale Arbeiterallianz der Aktionskomitees (IWA-RFC) schlagen den Aufbau unabhängiger Aktionskomitees vor, die vor allem den Kontakt zu anderen Belegschaften im In- und Ausland knüpfen, deren Arbeitsplätze ebenfalls bedroht sind, und die unabhängig von der Gewerkschaftsbürokratie für folgende Forderungen kämpfen:

Jeder Arbeitsplatz muss verteidigt werden! Keine Werksschließung! Gleitende Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich, sollte weniger Arbeit anfallen. Die Existenz der Beschäftigten und ihrer Familien hat Vorrang vor den Profitinteressen von Apollo und aller Finanzhaie.

Auch muss der Kampf um die Arbeitsplätze mit dem Kampf gegen Krieg und Aufrüstung verbunden werden. Die Hinwendung des Kapitals zu Waffenproduktion und Krieg droht, die ganze Welt zu zerstören. Während die Arbeiterklasse dafür bezahlt – in Form ständig steigender Energie- und Lebensmittelpreise, massenhaft zerstörter Arbeitsplätze und letztlich mit dem Leben ihrer Kinder – profitiert davon eine hauchdünne Schicht von Finanzspekulanten und Multimilliardären. Deshalb ist es notwendig, die internationale Arbeiterklasse gemeinsam zu mobilisieren, um die Diktatur des Finanzkapitals zu brechen und Großkonzerne und Banken zu enteignen.

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