In Wolfsburg verteilten Mitglieder der Sozialistischen Gleichheitspartei (SGP) und des Aktionskomitees VW am Betriebstor Nord den Aufruf „Genug ist genug – Verteidigt jeden Arbeitsplatz bei Volkswagen!“. Die Frühschicht strömte aus dem Werk, die Mittagsschicht hinein. Im dichten Strom der Beschäftigten blieben immer wieder Arbeiter stehen, nahmen das Flugblatt entgegen und nutzten den Schichtwechsel für kurze, gedrängte Wortwechsel. Einige lasen die ersten Zeilen schon im Gehen, andere steckten den Aufruf ein, kamen dann aber zurück, um eine Bemerkung zu machen.
Die Unruhe in der Belegschaft ist mit Händen zu greifen. Der Vorstand ist entschlossen, Zehntausende Stellen zu vernichten und mehrere Werke mit insgesamt Zehntausenden Beschäftigten zu schließen. Während Regierung und Konzerne Milliarden in Aufrüstung und Krieg stecken, sollen in der Autoindustrie Löhne gesenkt und ganze Belegschaften in die Arbeitslosigkeit gestoßen werden.
„Jetzt machen sie vier dicht“
Besonders empört waren viele über die gebrochene Standortgarantie. Ein älterer Kollege, M., der seit über zwanzig Jahren im Werk arbeitet, sagte: „Damals auf der Versammlung haben sie gesagt: Kein Standort wird geschlossen. Jetzt machen sie vier dicht und tun so, als wäre das vom Himmel gefallen. Und die IG Metall? Die hat das mitunterschrieben. Die wissen doch seit Monaten, was auf uns zukommt, und halten still, bis alles in trockenen Tüchern ist. Wir werden systematisch ruhiggestellt, bis die Entscheidungen längst gefallen sind.“
Eine Arbeiterin, S., reagierte auf die Bemerkung eines Kollegen, die IG Metall „tue doch etwas“, mit bitterer Ironie: „Ja, sie tut etwas – nämlich uns ausverkaufen. Die haben gemeinsam mit dem Vorstand den Abbau von zigtausend Stellen vereinbart, und jetzt tun sie so, als wären sie unsere Retter. Ich traue denen kein Wort mehr. Kein einziges.“
Besonders schutzlos fühlen sich die Leiharbeiter. T., der über eine Leihfirma im Werk beschäftigt ist, schilderte: „Die Betriebsräte der Leihfirmen sagen gar nichts. Gar nichts. Wir sind die Ersten, die rausfliegen sollen, und keiner redet mit uns. Entscheidungen werden über unsere Köpfe hinweg getroffen. Ich weiß nicht mal, ob ich nächsten Monat noch hier bin. Keiner gibt uns eine Auskunft.“ Mehrere jüngere Kollegen und Leiharbeiter bestätigten diese Erfahrung: Sie seien die Ersten, die gehen müssten, aber die Letzten, die überhaupt informiert würden.
Ein VW-Arbeiter, K., der früher über zwanzig Jahre Busfahrer war, zog einen Vergleich, der bei mehreren Umstehenden sofort Wiedererkennung auslöste: „Ich war über zwanzig Jahre Busfahrer. Dann haben sie hier in der Region alle Busse privatisiert – und Verdi hat nichts gemacht. Keinen Finger. Genau so ist es jetzt mit der IG Metall. Die Gewerkschaften stehen immer auf der Seite der Unternehmen, und wir sollen die Zeche zahlen.“ Andere berichteten von ähnlichen Erfahrungen: Privatisierungen und Auslagerungen seien immer mit dem Versprechen begleitet worden, alles werde „sozialverträglich“ ablaufen – während die Arbeitsplätze verschwanden und die Gewerkschaft den Beschäftigten erklärte, warum sie das akzeptieren müssten.
„Gestern haben sie noch gesagt, es gibt keine Pläne“
Die neuen Presseberichte, wonach VW in China entwickelte Modelle künftig auch in Europa verkaufen und möglicherweise in Werken wie Zwickau fertigen will, waren in vielen Gesprächen das beherrschende Thema. Mehrere Beschäftigte hatten die Meldungen in der Pause auf ihren Handys gelesen.
„Gestern haben sie noch gesagt, es gibt keine Pläne, China-Modelle hier zu bauen, und heute heißt es, Zwickau oder andere Werke sollen dafür herhalten“, sagte R. aus der Montage. „Was gilt denn jetzt? Jedes neue ‚Rettungskonzept‘ bedeutet am Ende nur, dass woanders gestrichen, verlagert oder dichtgemacht wird. Die spielen uns doch systematisch gegeneinander aus – Zwickau gegen Wolfsburg, deutsche gegen chinesische Arbeiter. Und während wir uns zerstreiten, bauen sie weiter Stellen ab.“
Andere fragten, wie von „neuen Chancen“ geredet werden könne, wenn gleichzeitig Personal abgebaut und Werke infrage gestellt würden. Der Verdacht, dass diese Szenarien vor allem dazu dienen sollen, weiteren Stellenabbau zu legitimieren, war unter den Arbeitern am Tor weit verbreitet.
„Dieselben Hallen für Panzer“
Das Flugblatt stellt den Zusammenhang zur Kriegswirtschaft heraus: Während die Bundesregierung das größte Aufrüstungsprogramm seit dem Zweiten Weltkrieg beschlossen hat, sollen Arbeiter durch Arbeitsplatzvernichtung und Lohnsenkungen dafür bezahlen. Ein Kollege, L., brachte diese Verbindung auf den Punkt: „Sie reden überall von ‚Kriegstüchtigkeit‘. Aber was heißt das für uns? Dass sie unsere Werke schließen, uns in die Arbeitslosigkeit schicken und dieselben Hallen für Panzer und Militärtechnik herrichten. Die Milliarden für Aufrüstung holen sie sich aus unseren Taschen – durch Jobabbau, durch Lohnkürzungen, durch Sozialabbau. Und die IG Metall macht mit.“
Tatsächlich zeigen Berichte des Handelsblatts und der Prognos-Dual-Use-Atlas, dass große Teile der Auto- und Zulieferindustrie bereits als Dual-Use-Standorte für zivile und militärische Produktion ausgewiesen werden. Dieselben Konzerne, die heute Stellen streichen und Löhne drücken, sollen morgen von Rüstungsaufträgen profitieren.
„Die Arbeiter in anderen Ländern haben doch dasselbe Problem“
Auf großes Interesse stießen die Ausführungen der SGP-Mitglieder über die internationale Vernetzung der Aktionskomitees. Viele hörten zum ersten Mal, dass in den USA ein einfacher Arbeiter, Will Lehman, bei Mack Trucks in Pennsylvania als sozialistischer Kandidat bei den Präsidentschaftswahlen der Autogewerkschaft UAW antritt und seine Kampagne ausdrücklich mit dem Aufbau von Aktionskomitees verbindet, um die Gewerkschaftsbürokratie abzuschaffen und die Macht an die Belegschaft zu übertragen. Dass Arbeiter in Deutschland, den USA, Mexiko, Polen, der Türkei und China mit denselben Angriffen konfrontiert sind und sich in der Internationalen Arbeiterallianz der Aktionskomitees (IWA-RFC) zusammenschließen, war für mehrere Beschäftigte neu – und wurde sofort als notwendige Antwort auf die globale Strategie der Konzerne verstanden.
„Die Konzerne organisieren sich doch auch international“, sagte ein Arbeiter. „VW, Stellantis, Mercedes, Toyota, Tesla – die machen doch alle dasselbe: Stellen abbauen, Löhne drücken, Werke schließen. Wenn wir nur national kämpfen, spielen sie uns gegeneinander aus. Die Arbeiter in anderen Ländern haben doch dasselbe Problem. Warum sollen wir uns nicht zusammentun?“
Das Aktionskomitee Volkswagen zieht daraus eine klare Schlussfolgerung: Der Kampf gegen Stellenabbau, Werkschließungen und Lohnsenkungen kann nicht denjenigen überlassen werden, die diese Maßnahmen mit ausgehandelt haben. Die Beschäftigten müssen ihre eigenen, demokratisch kontrollierten Kampforganisationen aufbauen – Aktionskomitees, unabhängig von IG Metall und Betriebsrat, die sich mit Kollegen in allen VW-Werken, in der gesamten Autoindustrie und weltweit zusammenschließen. Die Alternative zum kapitalistischen Profit- und Kriegssystem besteht darin, dass die Arbeiterklasse die Kontrolle über die Produktion übernimmt und die Industrie als Teil einer demokratisch geplanten, sozialistischen Wirtschaft organisiert, die nicht den Profiten einer kleinen Minderheit, sondern den Bedürfnissen der großen Mehrheit dient.
