Anfang des Jahres kündigte Zalando die Schließung seines Logistikzentrums bei Erfurt bis September 2026 an. Rund 2700 Beschäftigte werden ihre Arbeitsplätze verlieren. Grund ist nach Unternehmensangaben eine Neuausrichtung des konzerneigenen, europaweiten Logistiknetzwerks nach der Übernahme des Online-Modehändlers About You im vergangenen Jahr.
Am 7. und 9. Juli finden die nächsten Treffen der Einigungsstelle statt, auf denen das Management mit dem Betriebsrat über das Schicksal der betroffenen Belegschaft entscheiden will. Der Betriebsrat und die Gewerkschaft Verdi haben sich letztlich auf diese Einigungsstelle eingelassen und somit den Weg geebnet für die Schließung des Erfurter Standorts. Sollten die Zalando-Kolleginnen und -Kollegen ihnen keinen Strich durch die Rechnung machen, wird es in den Verhandlungen nur noch um Abwicklung, Interessenausgleich und Sozialplan gehen. Die Arbeitsplätze wären für immer verloren.
Noch ist es nicht zu spät, den Widerstand zu organisieren! Nehmt jetzt den Kampf in die eigenen Hände und organisiert euch in unabhängigen Aktionskomitees! Entreißt Verdi die Kontrolle über die Verhandlungen und leitet erste Kampfmaßnahmen ein!
Verdi zeigte sich anfangs zwar empört, wetterte über die „hässliche Fratze des Kapitalismus“ und appellierte an Zalando, man möge „mit Betriebsrat und Gewerkschaft über Möglichkeiten der Zukunftssicherung des Standortes zu sprechen“. Dass der Verdi-Apparat von vornherein die bedingungslose Verteidigung aller Arbeitsplätze nicht einmal erwogen hat, zeigt sich daran, dass er sehr früh bereits Sozialpläne, d.h. Abfindungen, an erste Stelle setzte und sich strikt weigerte, zu wirkungsvollen Kampfmaßnahmen zur Verteidigung aller Arbeitsplätze aufzurufen.
Wie immer in solchen Fällen, wenn es um die nackte Existenz von Tausenden von Arbeitern und ihren Familien geht, appellieren die Gewerkschaften an „die Politik“ – in diesem Fall an die thüringische Landesregierung, die bereits mit der „Taskforce Zalando“ dafür gesorgt hat, dass die Agentur für Arbeit direkt am Standort ein Büro eröffnet und versichert, Mittel für Anpassungsqualifizierungen bereitzustellen. Über diesen Mechanismus wurden in den letzten Jahren massenhaft Arbeitsplätze für immer vernichtet. Das nennt sich Verschiebebahnhof in die Arbeitslosigkeit. Jeder in Thüringen weiß: Es werden niemals wieder vergleichbare alternative Arbeitsplätze entstehen.
So berechtigt die monatelangen juristischen Anfechtungen der Überrumpelungspläne des Managements durch den Betriebsrat waren, konnten sie kein Ersatz sein für einen wirksamen Verteidigungskampf der Belegschaft mit dem Ziel, den Konzern in die Knie zu zwingen. Nach dem das Arbeitsgericht Erfurt auf Antrag des Internet-Modehändlers die Einberufung einer Einigungsstelle verfügt hatte, wollte der Erfurter Betriebsrat zwar noch vor das Landesarbeitsgericht ziehen, einigte sich jedoch Ende Mai auf einen Vergleich.
Statt zu kämpfen, führte der Verdi-Betriebsrat mit der Geschäftsleitung „Gespräche auf Augenhöhe“, die ergebnislos blieben. Nach neun Verhandlungsterminen in drei Wochen und „vielen Zugeständnissen“ seitens des Verdi-Betriebsrats wurde nun die Einigungsstelle angerufen. Am 23. Juni fand die erste von vier Sitzungen statt. Den richterlich bestellten Vorsitz der Einigungsstelle hat der ehemalige Richter und Justizminister a.D. Josef Molkenbur (CDU).
Verdi und der Betriebsrat haben, wie sie selbst einräumen, bei allen Gesprächen „weitreichende Zugeständnisse gemacht“, trotzdem habe Zalando einen „fairen Sozialplan“ mit „angemessenen Abfindungen“ kategorisch ablehnt. Über sämtliche Inhalte – und insbesondere darüber, welche Zugeständnisse der BR bereits gemacht hat – gibt es keinerlei Informationen. In der Zwischenzeit ist fast ein Viertel der Belegschaft aufgrund befristeter Verträge bereits ausgeschieden, so dass es nur noch um ca. 2100 betroffene Beschäftigte in Erfurt geht.
Die Beschäftigten müssen den Kampf in die eigenen Hände nehmen
Diese schmerzliche Erfahrung unterstreicht, dass die Belegschaft auf diesem Wege nur verlieren kann. Zehntausende Arbeiter, alleine in der Auto-, Zulieferungs- und Metallindustrie, haben in den letzten Monaten ihren Arbeitsplatz verloren, nachdem die Gewerkschaften und ihre Betriebsräte erst endlose Zugeständnisse gemacht und dann mit Sozialplänen den Kahlschlag besiegelt haben. Es gibt keinen einzigen Fall, wo es zu einem Erzwingungsstreik, einer Betriebsbesetzung oder zu Aufrufen für ernsthafte Solidaritätsaktionen kam.
Daraus ergibt sich eine zwingende Schlussfolgerung: Die Beschäftigten müssen den Kampf gegen die Stilllegung des Zalando-Logistikzentrums in Erfurt in die eigenen Hände nehmen. Dafür braucht es dringend ein unabhängiges Aktionskomitee, in das vertrauensvolle Kolleginnen und Kollegen gewählt werden, die bereit sind, den Kampf jetzt kompromisslos zu führen. Dem Verdi-Apparat muss die Kontrolle entzogen werden.
Das erfordert einen Bruch mit der Sozialpartnerschaft von Verdi und dem Betriebsrat, die eine Verteidigung aller Arbeitsplätze unmöglich macht. Dazu ist die sofortige Einberufung von Vollversammlungen und die Wahl eines unabhängigen Aktionskomitees notwendig, das nach demokratischen Beschlüssen der Belegschaft handelt – nicht nach den Weisungen der Gewerkschaftsbürokratie. Die Forderung muss lauten: Bedingungslose Verteidigung aller Arbeitsplätze, keine einzige Entlassung, keine Sozialpläne als Abwicklung getarnt.
Wenn das Management nicht einlenkt, muss das Aktionskomitee Streiks, Blockaden und als letztes Mittel die Betriebsbesetzung vorbereiten. Die sechs Streiks des vergangenen Jahres haben die Kampfkraft der Belegschaft bewiesen – jetzt muss diese Kampfkraft zur Sicherung der Arbeitsplätze selbst eingesetzt werden.
Betriebsrat und Verdi haben zwar zu Recht den Zynismus des Zalando-Managements kritisiert, das seine Ablehnungshaltung mit einem knappen Budget begründet, während es eine Milliarde für den Kauf von About You, 300 Millionen für Aktienrückkäufe und 65 Millionen für das Sponsoring des DFB ausgeben kann. Doch das soll nur die eigene Kapitulation kaschieren.
Das Zalando-Management hat ganz offensichtlich nichts anderes im Sinn, als die skrupellose Steigerung seiner Profite auf Kosten der Arbeiter. Nicht zufällig schließt es das Erfurter Lager nur wenige Jahre, nachdem die staatlichen Bindungen für die 22 Millionen Euro Subventionen ausgelaufen sind, und parallel zur Neueröffnung eines nagelneuen Logistikhubs bei Gießen.
Das alles angesichts einer Umsatzsteigerung von 16,8 Prozent auf 12,35 Milliarden Euro und einem Nettogewinn von 215,1 Millionen im Geschäftsjahr 2025. Das Zalando-Management hat offensichtlich kein Interesse an „Respekt“, „Gerechtigkeit“ oder anderen Phrasen, die Verdi und BR aus dem verstaubten Repertoire der Sozialpartnerschaft bemühen. Der Dax-Konzern folgt vielmehr einem allgemeinen Trend der Massenentlassungen und des Klassenkampfes von oben, um die Profite weiter zu steigern.
Dass der 2012 eröffnete Standort in Erfurt nun dem neuen Versandzentrum in Gießen zum Opfer fällt, folgt dabei der bekannten Logik des Personalabbaus. Denn laut Zalando wird Gießen „natürlich einen ganz anderen Automatisierungsstand haben als Erfurt“ und Bestellungen können „noch viel schneller“ bearbeitet und verschickt werden.
Anders als in Erfurt baut Zalando dafür nicht neu, sondern nutzt einstige Hallen der US-Armee. Dort verspricht es maximal 1700 Arbeitsplätze. Gießens Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher (SPD) begrüßte das mit den Worten: Neue Impulse für die Wirtschaft, mehr Geld aus der Gewerbesteuer und „Hoffnung, dass es ein stabiler Faktor hier wird“.
Warme Worte
In der Öffentlichkeit bekommen die Zalando-Arbeiter aus Erfurt reichlich warme Worte zu hören. Vom amtierenden thüringischen Ministerpräsidenten Mario Voigt (CDU) und seiner Arbeitsministerin Katharina Schenk (SPD) bis hin zum ehemaligen Ministerpräsidenten Bodo Ramelow (Linke), der den Zalando-Betriebsrat berät. Beim jüngsten Parteitag der Linken in Potsdam hatten sogar drei Betriebsratsmitglieder aus Erfurt einen Gastauftritt. Es wird auch immer wieder auf die weitreichende Rolle Zalandos als drittgrößter Arbeitgeber in der strukturschwachen Region um Erfurt verwiesen.
Bei all den markigen Worten gegen Zalando werden jedoch die wesentlichen Fragen verschwiegen:
- Wer hat nach 1990 Deindustrialisierung und Massenarbeitslosigkeit in Ostdeutschland geschaffen und das anschließend als Argument genutzt, um Großkonzerne wie Zalando mit staatlichen Subventionen zu Neuansiedlungen zu locken?
- Wer hat Unternehmen wie Zalando mit Niedriglöhnen, befristeten Arbeitsverträgen und Arbeitshetze den Weg bereitet?
- Wer unterstützt all dies auch weiterhin bedingungslos im Namen der „Wettbewerbsfähigkeit“?
- Und wer unterstützt aus der gleichen Logik heraus die Handels- und Kriegspolitik der Bundesregierung?
Die Antwort auf diese Fragen lautet meist: Die Gewerkschaftsbürokratie und die dazugehörigen Parteien SPD, Grüne und Linke, die aus der PDS/SED hervorgegangen ist. Die rechtsextreme AfD nutzt die Schließungspläne für ihre widerwärtige ausländerfeindliche Hetze gegen den angeblich hohen Anteil migrantischer Arbeiter und die angeblichen Verfehlungen des „Sozialstaats“.
Insbesondere unter der Regierung von Bodo Ramelow von der Linkspartei, der von 2014 bis 2024 im Amt war, haben Tausende ihren Arbeitsplatz verloren. Um nur einige Fälle zu nennen: SolarWorld Arnstadt, Bosch Arnstadt, Bosch Eisenach, Opel Eisenach usw. Hinter jedem Abbau stand die Unterschrift der IG Metall oder anderer Gewerkschaften, die als Handlanger der Unternehmen fungierten und eng mit Ramelow zusammenarbeiteten.
Arbeiter und ihre Familien sind aktuell an allen Fronten mit enormen Angriffen konfrontiert. Allein die deutsche Autoindustrie ist dabei, Hunderttausende Arbeitsplätze zu vernichten, Bund- und Landesregierung setzen in allen Bereichen massive Kürzungen durch. Einzig die Aufrüstung des Staatsapparats nach Innen und nach Außen ist davon ausgenommen.
Gewerkschaften wie Verdi und die dazugehörigen Betriebsräte stehen dabei zuverlässig auf Seiten der herrschenden Eliten. Die Kürzungen in der Auto- und Zulieferindustrie tragen die Unterschriften der IG Metall. Die Tarifabschlüsse dort oder im öffentlichen Dient, die mit den Kostensteigerungen nicht Schritt halten, tragen die Unterschriften von IG Metall, Verdi, GEW, GDL und anderen Gewerkschaften. Auf dem letzten DGB-Kongress wurde die Aufrüstungs- und Kriegsagenda der Bundesregierung unterstützt und der Ausbau der Rüstungsindustrie als Chance gepriesen.
Diese Komplizenschaft wird auch bei Zalando deutlich. Während Verdi letztes Jahr noch sechs Mal zu Warnstreiks aufrief, zuletzt am 18. Dezember, um eine Anerkennung der Flächentarifverträge für den Einzel- und Versandhandel zu erwirken, hat es das ganze bisherige Jahr keine einzige Streikaktion gegen die Werksschließung gegeben, nur lächerliche, kurze Protestkundgebungen oder Briefaktionen.
Baut unabhängige Aktionskomitees auf!
Der Kampf zur Verteidigung der Arbeitsplätze kann nicht regional geführt werden. Zalando spielt Erfurt gegen Gießen, Deutschland gegen die Niederlande, Polen oder Italien aus. Die Antwort ist die organisierte Einheit aller Beschäftigten über sämtliche Standorte und Landesgrenzen hinweg – einschließlich der Beschäftigten externer Dienstleister, deren Verträge ebenfalls gekündigt werden.
Zalando hat außerdem beiläufig angekündigt, drei weitere Standorte außerhalb Deutschlands zu schließen, die größtenteils von externen Partnern betrieben werden. Der Konzern gibt aber nicht bekannt, um welche drei Standorte es sich konkret handelt. Weitere Logistikzentren, d.h. Lager- und Versandhäuser, betreibt Zalando u.a. in Italien, Polen, Frankreich und Schweden. Das größte befindet sich in Rotterdam/Niederlande. Die Vermutung liegt nahe, dass Zalando im Bunde mit Verdi bewusst geheim hält, welche Standorte auf der Abschussliste stehen, um die Beschäftigten der vier betroffenen Standorte zu spalten und gemeinsamen Widerstand zu unterbinden.
Die Verbündeten der Zalando-Beschäftigten in Erfurt sind nicht die Politiker von CDU, SPD und Linkspartei, die Zalando mit 22 Millionen Euro subventioniert haben und nun Krokodilstränen vergießen, sondern die Kolleginnen und Kollegen der anderen Standorte und bei Amazon, DHL, UPS, Hermes, Otto-Versand sowie der gesamten Logistikbranche.
Die Schließung in Erfurt ist kein Einzelfall, sondern Ergebnis des kapitalistischen Profitsystems. Statt die Rendite-Forderungen des Dax-Konzerns als Grundlage zu akzeptieren, müssen die Interessen der Arbeiter und ihrer Familien bedingungslos verteidigt werden. Automatisierung darf nicht als Waffe für Entlassungen dienen, sondern muss durch Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich den Beschäftigten zugutekommen.
Das Aktionskomitee, das in Erfurt und bei Zalando insgesamt aufgebaut werden muss, verteidigt prinzipiell alle Arbeitsplätze an allen Standorten. Es lehnt Zugeständnisse bei Löhnen, Renten Arbeitsbedingungen grundsätzlich ab. Nicht die Profitmaximierung des Konzerns, sondern der Kampf entscheidet über den Erhalt der Arbeitsplätze. Die Existenzgrundlage und das nackte Überleben der Beschäftigten hat Vorrang vor den Profitinteressen der Eigner, Aktionäre, Banken und Fondsgesellschaften, die den Hals nicht vollkriegen.
Das Erfurter Aktionskomitee muss sich der Internationalen Arbeiterallianz der Aktionskomitees (IWA-RFC) anschließen und den Kampf zum Bestandteil einer globalen Gegenoffensive der Arbeiterklasse machen.
Es ist jetzt an der Zeit, das eigene Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Kontaktiert uns, um den Aufbau von Aktionskomitees anzugehen. Schreibt über WhatsApp an die +49 163 337 8340 oder füllt das Formular direkt unter dem Artikel aus. Wir sichern euch absolute Vertraulichkeit zu.
